Stadt verliert den Kampf gegen die Krähen

Bern

Im Nordquartier hat es nur wenig gebracht, die Nester zu entfernen: Die Saatkrähen kamen grösstenteils zurück an ihre Brutstätten. Weil der Effekt im Vergleich zum Aufwand zu gering ist, bleiben die Nester künftig grundsätzlich oben.

Das Entfernen der Nester hat nichts gebracht: Die Krähen kamen wieder zurück und bauten die Nester wieder auf.

Das Entfernen der Nester hat nichts gebracht: Die Krähen kamen wieder zurück und bauten die Nester wieder auf.

(Bild: Urs Baumann)

Sandra Rutschi

Saatkrähen sind nicht nur schlau, sondern auch hartnäckig. Das zeigt das Experiment, das die Stadt Bern im vergangenen Winter wagte: 99 alte Krähennester hatten die Mitarbeiter von Stadtgrün Bern in der Winkelried-, Ostermundigen- und Tellstrasse im Februar entfernt, um dem geplagten Nordquartier Linderung zu verschaffen. Doch die Vögel kehrten zurück und bauten die Nester wieder auf. So ist jetzt, nachdem die Saatkrähen ihre Kolonien verlassen haben, die Bilanz durchzogen: «Der Effekt war nicht sehr gross, aber es gab eine gewisse Entlastung», sagt Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie bei Stadtgrün Bern.

An der Winkelried- und der Ostermundigenstrasse waren lediglich rund zehn Prozent weniger Krähenpaare am Brüten – 69 Paare an der Winkelried-, 36 an der Ostermundigenstrasse. An der Tellstrasse hingegen hat sich die Population halbiert, es brüteten nur noch elf Paare. Zwar nehme die Anzahl Krähen an der Tellstrasse seit etwa fünf Jahren konstant ab, relativiert Tschäppeler. Und es gebe über die Jahre hinweg in den Statistiken immer wieder Schwankungen. Doch die Tatsache, dass in der Stadt Bern und Umgebung die Kolonien in der letzten Brutsaison insgesamt um 14 Prozent und die Brutpaare um drei Prozent zugenommen haben, zeige deutlich, dass die Aktion im Nordquartier einen gewissen Erfolg hatte. Wenn nicht, so hätten auch dort wie sonst in der Region mehr Krähen genistet.

Krähen ziehen ins Dählhölzli

Komplett erfolglos blieb hingegen der Versuch, die Bäume so zu schneiden, dass Krähen keine Nester mehr bauen. Dazu entfernte Stadtgrün in Gabelungen mit drei Ästen einen der Äste. Doch die Vögel liessen sich davon nicht beeindrucken und bauten die Nester am selben Ort oder auf Nachbarbäumen wieder auf. Wie die Stadt im Oktober vorgehen will, wenn die Krähen wieder aus der Landschaft zurückkommen, ist noch unklar. Laut Tschäppeler werden künftig Nester – wenn überhaupt – nur noch in Einzelfällen entfernt. «Der Effekt ist zu klein für den relativ grossen Aufwand, den wir haben», sagt sie.

In der Stadt Bern hat es nach wie vor im Nordquartier und entlang der Aare am meisten Krähen. Dazu zählt Tschäppeler auch eine Kolonie im Dählhölzli, die in der letzten Saison massiv angewachsen ist. Wo letztes Jahr noch 28 Paare brüteten, waren es diesen Frühling 80. Tschäppeler hält es aber für unwahrscheinlich, dass die Krähen von den Strassen beim Wankdorf ins Dählhölzli umgezogen sind. Dafür seien nach wie vor zu viele Tiere beim Wankdorf.

Vertreiben ohne Schüsse

Die Nesteraktion im Nordquartier, aber auch der aufgehobene Schutz für Saatkrähen gab in den letzten Monaten Anlass zu Diskussionen. Auch im Kanton Bern darf die Saatkrähe neu zwischen September und Mitte Februar gejagt werden. Nicht nur das: Hausbesitzer dürfen die Saatkrähe nun auch selber abschiessen, sofern sich diese auf ihrem eigenen Grund und Boden befinden. Abgeschossene Krähen gab es in den letzten Monaten in der Stadt Bern keine. Und Tschäppeler hofft sehr, dass das auch so bleiben wird. «In der Stadt ist es viel zu gefährlich, wenn Private auf Krähen schiessen», betont sie. Wenn Krähen in der Stadt nachweisbar Schäden anrichten, so gebe es immer noch die Möglichkeit, diese auf andere Art zu vertreiben. «Man kann zum Beispiel die Bäume schütteln. Oder Nester, die sehr nahe am Fenster sind, immer wieder runterstossen. Irgendwann geben die Tiere dann garantiert auf.» Am Schluss stellt sich also die einfache Frage, wer hartnäckiger ist: die Krähen oder die Menschen.

Berner Zeitung

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