Kinder lernen auf Französisch Geschichte und auf Deutsch Rechnen

Stadtberner Kinder dürfen ab nächstem Jahr eine zwei­sprachige Klasse besuchen. Vorerst im Marzili-Schulhaus, später im Schulhaus Matte lernen die Kinder die Hälfte des Schulstoffs auf Deutsch, die andere auf Französisch.

<b>Keine Qual, sondern eine Chance fürs Leben</b> sind zweisprachige Klassen nach Ansicht der Berner Gemeinderätin Franziska Teuscher. Das Angebot startet aber in einem Schulkreis mit vielen gebildeten Familien.

Keine Qual, sondern eine Chance fürs Leben sind zweisprachige Klassen nach Ansicht der Berner Gemeinderätin Franziska Teuscher. Das Angebot startet aber in einem Schulkreis mit vielen gebildeten Familien. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Die Stadtberner Kinder, welche dieses oder nächstes Jahr in den Kindergarten kommen, können als Erste einsteigen: in die neuen «Classes bilingues de la Ville de Berne». Nächsten Sommer will die Berner Schuldirektion den ersten zweisprachigen Klassenzug eröffnen. Er beginnt mit einer Kindergartenklasse im Marzili-Schulhaus.

Gesprochen wird halbtage- oder tageweise je zur Hälfte Deutsch und zur anderen Hälfte Französisch. Die Kindergartenkinder bleiben danach mindestens bis zur sechsten Klasse im zweisprachigen Unterricht.

Das Besondere an diesen Klassen: Es gibt zwei Lehrpersonen, die ausschliesslich in ihrer jeweiligen Muttersprache unterrichten. Die Deutsch sprechende Lehrperson ist für die Fächer Deutsch und Mathematik zuständig, die Französisch sprechende für Französisch und die Fächer Natur, Mensch und Gesellschaft. Musik, Sport und Kunst teilen sich die beiden gleichmässig auf.

Keine Übersetzungen

Übersetzungen im Unterricht gibt es nicht: Beide Sprachen gelten im jeweiligen Unterricht als Erstsprache. Auch die Lehrmittel und der Lehrplan richten sich ­danach: Im Französisch gibt es kein Französischlehrbuch mit Vokabeln, sondern die Lese- und Grammatikbücher, die in der Romandie verwendet werden.

Zu schwierig für Kinder, die nur Deutsch können? Nein, findet Gemeinderätin Franziska Teuscher. «Für kleine Kinder ist es einfach, sich in mehreren Sprachen zurechtzufinden», sagte sie gestern vor den Medien. Und: «Es ist eine Chance fürs Leben, in eine zweisprachige Schule zu gehen, und zwar unabhängig davon, ob ein Kind zu Hause Deutsch oder Französisch spricht.»

In der Tat zeigen Studien, dass Kinder aus zweisprachigen Klassen, wie sie die Stadt Bern plant, bessere Noten in der jeweiligen Fremdsprache haben als Kinder aus Klassen mit herkömmlichem Fremdsprachenunterricht.

«Für kleine Kinder ist es einfach, sich in mehreren Sprachen zurechtzufinden.»Franziska Teuscher, Gemeinderätin

Diese Chance fürs Leben erhalten nächstes Jahr allerdings nur gerade 24 der 2000 Berner Kindergartenkinder. Zwar können diesen November alle interessierten Familien ihre Kinder für die zweisprachigen Kindergartenklassen anmelden. Doch die Stadt möchte die Klasse ausge­glichen mit je 8 Kindern aus deutschsprachigen, 8 Kindern aus französischsprachigen und 8 Kindern aus zweisprachigen Familien füllen.

Bei zu vielen Anmeldungen kommen zuerst jene Kinder zum Zug, die am nächsten bei der Marzili-Schule wohnen. Das werden Kinder aus dem Kirchenfeld und dem Sulgenbach sein. Gibt es dann immer noch zu viele Bewerber, entscheidet das Los.

Privileg für Gutverdienende?

Es sei kein Zufall, dass die Stadt als Standort den Schulkreis Kirchenfeld-Schosshalde gewählt habe, räumte Irène Hänsenberger gestern auf Anfrage ein. In Biel, wo es auch zweisprachige Klassen gibt, zeigt sich nämlich, dass sich vor allem gebildete Mittelstandsfamilien dafür interessieren. Seit der Einführung des Angebots vor acht Jahren wird in Biel immer wieder kritisiert, dass die Klassen ein Privileg für Gutverdienende seien.

In der Stadt Bern soll es nicht so weit kommen. Irène Hänsenberger kann sich vorstellen, bei entsprechender Nachfrage auch in Bümpliz oder Bethlehem einen Schulstandort für zweisprachige Klassen zu eröffnen.

In den nächsten sieben Jahren wird die Stadt Bern jedes Jahr 10 bis 12 weitere Kinder in den zweisprachigen Klassenzug aufnehmen. Es ist vorgesehen, dass die zweisprachigen Klassen dereinst vom Marzili ins Matte-Schulhaus umziehen werden. Bewähren sich die Klassen, will Bern den Klassenzug in die Oberstufe weiterziehen.

Kanton zahlt mit

Zumindest einen Teil der Zusatzkosten übernimmt der Kanton, da er die Klassen als Schulversuch bewilligt hat. Die Stadt muss allerdings jährlich 10 000 Franken für die französischsprachigen Schulbücher zahlen. Ausserdem wird sie sich bei Kindern, die aus einem anderen Quartier mit Tram oder Bus anreisen, an den Kosten für ein ÖV-Abo beteiligen müssen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.06.2018, 22:20 Uhr

In Biel: Nachfrage zu gross

Die zweisprachigen Klassen ­«Filière bilingue» in Biel sind seit der Einführung vor acht Jahren äusserst beliebt. Mittlerweile ­besuchen 320 Schülerinnen und Schüler die zweisprachigen ­Primarklassen. Und ab diesem Sommer wird es neu sogar zwei 7. Klassen geben. Obwohl Biel immer mehr Klassen eröffnet, ist die Nachfrage etwa doppelt so hoch wie das Angebot: Jedes Jahr werden Dutzende von ­Eltern abgewiesen, die ihre Kinder in die zweisprachige Klasse schicken möchten.

Deshalb wird die ­«Filière bilingue» auch immer wieder kritisiert: Die Klassen seien einer kleinen Gruppe von privilegierten Kindern vorbehalten. Ausgewählt werden die Kinder nach der ­Nähe ihres Wohnorts zur Schule. In der Umgebung der Schulstandorte der «Filière bilingue» leben vor allem gebildete Mittelstandsfamilien.

Der Bieler Oberstufenlehrer Alain Pichard ­be­urteilte die zweisprachigen Klassen deshalb auch schon als «Privatschule für den Mittelstand, die mit öffentlichem Geld finanziert wird». Ganz anders als in Biel reagierten die Eltern im freiburgischen Murten auf das neue Angebot einer zweisprachigen Klasse.

Eigentlich wollte die Orientierungsschule Region Murten ab diesem Sommer eine zweisprachige Klasse führen. Es wäre die erste im Kanton Freiburg gewesen. Doch statt der nötigen 20 meldeten sich nur 12 Schülerinnen und Schüler an. Die Schule geht davon aus, dass die Anmeldefrist zu kurz war, und wird nächstes Jahr einen neuen Versuch starten.

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