Bern

Staatsanwältin fordert für H.S. die Verwahrung

BernDer Sozialtherapeut H.S. soll für immer inhaftiert werden. Das fordert die Berner Staatsanwaltschaft und verlangt zudem die maximale Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Die Verteidigung dagegen setzt auf eine stationäre Massnahme.

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Er habe keine einzige Gelegenheit ausgelassen. «Alle Kinder, die direkt von H.S. betreut wurden, wurden auch seine Opfer», sagte Staatsanwältin Erika Marti gestern Dienstag am Regionalgericht Bern-Mittelland. 124 Menschen hat H.S. im Verlauf seines Lebens missbraucht, die meisten in seiner Funktion als Behindertenbetreuer. Wegen der 33 Fälle, die noch nicht verjährt sind, muss er sich seit Montag vor Gericht verantworten. «Es handelt sich um einen Fall der Superlative», sagte Marti. Es gebe eine extrem hohe Anzahl an Opfern, und die mussten teils eine extrem hohe Anzahl an Übergriffen erleiden. Die meisten Opfer waren schwer geistig oder körperlich behindert. Viele der Opfer und ihre Angehörigen leiden stark unter den Folgen. «H.S. hätte ein Vorbild sein sollen», so Marti. Doch er habe das Machtgefälle skrupellos ausgenützt.

Staatsanwaltschaft erachtet Therapie als aussichtslos

Angesichts des Ausmasses sprach sich die Staatsanwältin für die maximal mögliche Freiheitsstrafe von 15 Jahren aus. «Die Argumentation, dass es immer schlimmer gehen könnte, gilt hier nicht.» Das schwerste Delikt in der Anklage ist Schändung, dazu kommen sexuelle Handlungen mit Kindern, Pornografie sowie Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte.

Marti forderte in ihrem Plädoyer zudem die lebenslange Verwahrung für H.S. «Das ist die Ultima Ratio.» Aber eine stationäre Massnahme reiche für den Angeklagten nicht aus. Denn gemäss dem erstellten psychiatrischen Gutachten gebe es bei ihm keine sichere Prognose über einen Behandlungserfolg. Bei H.S. wurden eine Persönlichkeits-störung und Pädophilie diagnostiziert.

«Eine Therapie ist Erfolg versprechend», sagte dagegen der amtliche Verteidiger von H.S., der Aargauer Fürsprecher John Wyss. Der Vorteil einer stationären Massnahme sei, dass sich der Angeklagte dabei mit seinen Taten auseinandersetzen müsse. «Damit steht er unter Erfolgsdruck.» Wenn die Therapie nicht funktioniere, könne man sie nach fünf Jahren problemlos in eine Verwahrung umwandeln, sagte Wyss. Im Übrigen erachtet der Verteidiger eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren als angebracht. Angesichts der Tatsache, dass es nie zu Geschlechtsverkehr gekommen sei, verbiete sich die Maximalstrafe.

Verteidiger verweist auf das umfassende Geständnis

Wyss hob vorab das «ungewöhnliche Geständnis» seines Mandanten hervor. «Der Angeklagte wollte reinen Tisch machen.» Gleichzeitig sei er erschrocken über die grosse Zahl der Missbrauchsfälle. Man müsse ihm anrechnen, dass er «ungewöhnlich präzis und grausam ehrlich» ausgesagt habe.

Die umfassende Geständnisbereitschaft anerkannte auch die Staatsanwaltschaft. «Das hat das Verfahren wesentlich erleichtert», sagte Marti. Gerade weil die meisten Opfer aufgrund ihrer Behinderungen kaum hatten befragt werden können. «Ob das Geständnis allerdings ein Zeichen der Reue ist, darf bezweifelt werden.» Die Staatsanwältin hat vielmehr den Eindruck, H.S. habe sich damit reinwaschen wollen. Es gibt allerdings auch noch Bildaufnahmen und rund 20 Stunden Videomaterial. Damit konnte die Staatsanwaltschaft eine detailgenaue Anklage aufsetzen. Es ist wohl bezeichnend: Dieses Material vernichtete H.S. auch dann nicht, als er das Messer schon am Hals hatte. «Es wäre schade darum gewesen», sagte er dazu in der Befragung am Montag.

Auch Wyss erwähnte die Videos, nannte manche Aufnahme «unerträglich». Überhaupt gehe es um einen «nicht alltäglichen Fall», der auch die Verteidigung nicht kalt lasse. Er ging auf jeden der 33 Fälle kurz ein. In 7 Fällen forderte er einen vollständigen oder partiellen Freispruch wegen Schändung.

Gelegenheiten wurden verpasst, H.S. zu fassen

Der Verteidiger wies weiter darauf hin, dass H.S. schon viel früher als erst 2010 hätte gestoppt werden können – wenn die Heime auf verdächtige Hinweise richtig reagiert hätten. Gelegenheiten hätte es mehrere gegeben. Eine davon: Der Angeklagte sei in Interlaken vom Vorgesetzten angesprochen worden. Er habe sich aber rausreden können und die Arbeitsstelle gewechselt. «In Gümligen hätte man nur eine kurze telefonische Referenz einholen müssen, und wir würden heute nicht hier sein.» Wyss sagte, die Verteidigung wolle damit nicht Schuld auf andere abschieben. Diese trage H.S. allein. «Er wäre ohne weiteres in der Lage gewesen, ein ordentliches und deliktfreies Leben zu führen», sagte Staatsanwältin Marti.

H.S. gab während des ganzen Tags im Gerichtssaal keinen Mucks von sich und zeigte kaum Regung. Am Ende bekam er nochmals das Wort. Er entschuldigte sich bei den Opfern und Angehörigen und verstummte dann abrupt.

Am Freitag erwartet ihn das Urteil. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.03.2014, 06:17 Uhr

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