Sonnenhof lanciert Tarifkampf

Bern

Die Klinik Sonnenhof setzt mit ihrem neuen Tarifvertrag die öffentlichen und die privaten Spitäler im Kanton Bern stark unter Zugzwang. Der Unmut über das «Vorpreschen» ist gross. Der Kostendruck wird weiter steigen.

So günstig arbeitet kein anderes bernisches Spital: Die Privatklinik Sonnenhof hat die Messlatte für die Spitaltarife neu angesetzt.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

So günstig arbeitet kein anderes bernisches Spital: Die Privatklinik Sonnenhof hat die Messlatte für die Spitaltarife neu angesetzt.

(Bild: Keystone)

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Die Stadtberner Privatklinik Sonnenhof AG hat ihre gesamte Konkurrenz, die private wie die öffentliche, überrumpelt. Mit dem neuen Tarifvertrag, den sie mit den grössten Berner Krankenkassen Visana und KPT abgeschlossen hat, setzt sie alle Spitäler im Kanton unter Druck. Der Sonnenhof gibt sich fortan mit einem überraschend tiefen Basispreis von 9300 Franken zufrieden (siehe gestrige Ausgabe). Das ist überschlagsmässig bis zu 15 Prozent weniger, als die öffentlichen Regionalspitäler heute für ihre Leistungen erhalten.

«Weit unter den Kosten»

Damit erhöht sich der Kostendruck, der sowieso schon schwer auf den Berner Spitälern lastet, zusätzlich. Ihre Ausgangslage ist ungünstig: Die öffentlichen Regionalspitäler sind im Durchschnitt teurer als vergleichbare Zürcher Spitäler, was ihre Position in den Verhandlungen mit den Krankenkassen schwächt. Die Privatspitäler wiederum liefern sich mit den Kassen einen heftigen Tarifstreit; nach dem Ausscheren des Sonnenhofs ist ihre Front aufgebrochen. Beide – private wie öffentliche Spitäler – werden nun erklären müssen, wieso sie nicht zu einem so günstigen Tarif arbeiten können wie der Sonnenhof.

Für die Bevölkerung wirkt sich dies alles verzögert, aber direkt spürbar aus: Einerseits steigen die Krankenkassenprämien weniger stark, wenn die Spitaltarife sinken; andererseits ist anzunehmen, dass weitere Spitalstandorte geschlossen oder umfunktioniert werden, wenn die Abgeltungen sinken.

Der tiefe Sonnenhof-Tarif kommt bei der Konkurrenz gar nicht gut an. «Ich kann mir nicht vorstellen, wie der Sonnenhof damit über die Runden kommen will», sagt Jean-François Andrey, Direktor des Lindenhofs, des grössten Berner Privatspitals. «Dieser Tarif ist weit unter den anfallenden Kosten gemäss den Kostenrechnungen der Privatspitäler.» Er will Kontakt aufnehmen mit dem Sonnenhof, um herauszufinden, was die Gründe für dieses «Vorpreschen» seien.

Neuer Tiefstpreis

«Wir sind gar nicht erbaut. Damit geraten wir noch mehr unter Druck», sagt Beat Straubhaar, CEO des Regionalspitals Thun-Simmental-Saanenland. Für ihn kommt der Sonnenhof-Vertrag zu einem schlechten Zeitpunkt: Straubhaar verhandelt derzeit als Präsident des Verbands der öffentlichen Berner Spitäler (diespitaeler.be) mit den Krankenkassen die Tarife für 2011.

In der Tat hat der Sonnenhof einen – gemessen an den bisherigen Tarifen – verblüffend tiefen Basispreis vereinbart. Bei den 9300 Franken ist die Abgeltung der Investitionen eingeschlossen, die annäherungsweise auf 12 Prozent veranschlagt werden. Damit bleiben 8300 Franken als Abgeltung der eigentlichen Spitalleistungen übrig. Ungleich besser bezahlt sind heute die öffentlichen Regionalspitäler: Alles in allem erhalten sie für ihre Leistungen rund 9600 Franken (ohne Investitionen). Auch die Privatspitäler erhielten bisher wesentlich höhere Preise. Deshalb wollten sie auch nicht akzeptieren, dass der Basispreis auf 9745 Franken (inklusive Investitionen) gesenkt wird, wie dies die Regierung für 2010 vorgeschlagen hatte. Dass der neue Sonnenhof-Tarif sogar 4,5 Prozent unter diesem Preis liegt, lässt tief blicken.

Sonnenhof: Das Geld reicht

Die öffentlichen Spitäler weisen diese Kostenvergleiche zurück: Es gebe entscheidende Unterschiede zwischen ihnen und Privatspitälern wie dem Sonnenhof, betont Beat Straubhaar. Insbesondere könnten sich die Privaten dank dem höheren Anteil an Zusatzversicherten, die mehr als die Vollkosten bezahlen, eine tiefere Abgeltung leisten. Zudem hätten sie gewisse Pflichten nicht: 24-Stunden-Notfall, Ausbildungsauftrag und Aufnahmepflicht.

Im Sonnenhof zeigt man sich unbeeindruckt. Man nehme dieselben Pflichten wahr wie die öffentlichen Spitäler, sagt Thomas Straubhaar, Mitglied der Geschäftsleitung (und Bruder von Beat Straubhaar). «Natürlich ist der Tarif knapp berechnet, aber wir werden damit über die Runde kommen, sonst würden wir das nicht machen.» Straubhaar räumt ein, der Sonnenhof werde noch sparen müssen. Es seien aber weder Entlassungen noch ein massiver Leistungsabbau geplant. Grosse Hoffnungen setzt die Klinik Sonnenhof auf die Orthopädie. Für deren Ausbau konnte sie der Spital Netz Bern AG den Spezialisten Hubert Nötzli und weitere Fachärzte abwerben.

Berner Zeitung

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