Solche Netze könnte Bern haben

Bern

Vor zehn Jahren hat die Jakob AG aus Trubschachen bei der Münsterplattform Auffangnetze für Selbstmörder installiert. Ingenieur Rudolf Lehmann erklärt, wie sich auch Berns grosse Brücken mit Netzen sichern liessen.

Bildmontage: So oder ähnlich würde die Kirchenfeldbrücke mit Sicherungsnetzen aussehen.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Bildmontage: So oder ähnlich würde die Kirchenfeldbrücke mit Sicherungsnetzen aussehen.

(Bild: zvg)

Tobias Habegger@TobiasHabegger

Nur selten findet im Berner Stadtparlament ein SVP-Vorstoss derart grosse Unterstützung wie die Forderung nach Auffangnetzen an Berner Brücken. Mit 61:5 Stimmen sprach sich der Stadtrat im Oktober für die Motion von Erich Hess aus. Gemeinderätin Regula Rytz (GB) muss innerhalb zweier Jahre die Kornhaus-, Kirchenfeld-, Lorraine- und Nydeggbrücke sichern lassen. Nirgendwo in der Schweiz springen so viele Menschen von Brücken wie in Bern.

Nach dem politischen Auftrag wird geredet, überprüft und abgeklärt. Gemeinderatsmitglieder und deren Chefbeamten unterhalten sich über mögliche Vandalenakte oder darüber, ob betrunkene Jugendliche dereinst nach dem Ausgang in die Netze klettern oder sogar Velos reinschmeissen. Der Stadtberner Denkmalschutz äussert ästhetische Bedenken und kündigt an, die Netze gegebenenfalls mittels Beschwerde zu bekämpfen (wir berichteten).

In Paris und San Francisco

Weltweit tätige Bauexperten für die Sicherung von Brücken sitzen nur dreissig Kilometer von Bern entfernt in Büros und Werkstätten der Jakob AG in Trubschachen. Ingenieur Rudolf Lehmann etwa befasst sich seit zwanzig Jahren mit der Entwicklung und Montage solcher Auffangnetze. Er und seine Mitarbeiter haben den Eiffelturm von Paris gesichert oder die Ganterbrücke beim Simplon und die Hohe Brücke in der Innerschweiz (im Bild). Sogar die Behörden von San Francisco erkundigten sich bei den Emmentaler Ingenieuren, wie die Golden Gate Bridge zu sichern sei.

Vor zehn Jahren hat die Jakob AG die Netze für die Berner Münsterplattform konzipiert. «Auch damals fand im Vorfeld ein langer Dialog mit dem Denkmalschützer statt», sagt Ingenieur Rudolf Lehmann. Nach dieser Erfahrung ist er überzeugt: Auch für die denkmalgeschützten Berner Brücken liesse sich eine Lösung finden.

«Wir konstruieren unsere Netze so filigran und fein wie möglich, damit man sie aus der Distanz kaum sieht.» Das funktioniere deshalb, weil die in Handarbeit hergestellten feinen Netze aus hochfesten Drahtseilen bestehen. Die Jakob AG besitzt dafür eine Produktionsstätte in Saigon. «Wir entwickeln für jede Brücke ein perfekt passendes Netz – wie ein massgeschneiderter Anzug», sagt Rudolf Lehmann.

500000 Franken pro Brücke

Ein Vorteil der Kirchenfeldbrücke sei der Untergurt aus Stahl. «An diesem Untergurt lassen sich die Netze diskret montieren, ja sogar etwas verstecken», sagt Lehmann. Die Netze könnten deshalb drei Meter unter der Strassenfläche hängen. «Da springt kaum einer aus Spass runter.»

Die Materialkosten, um ein Bauwerk wie die Kornhaus- oder Kirchenfeldbrücke mit horizontalen Auffangnetzen zu sichern, beziffert Lehmann in einer groben Schätzung bei 500000 Franken. Zum Zeitrahmen sagt er: «Zwischen der ersten Planskizze und der letzten angezogenen Schraube würden zirka sechs bis zehn Monate vergehen.» Für die Montage der Netze kommen üblicherweise Profikletterer zum Zug. «Das ist viel günstiger als ein Baugerüst», sagt Lehmann.

Vor den Augen der Schüler

In diesen Monaten springen beinahe wöchentlich Menschen von der Kornhaus- und Kirchenfeldbrücke – und prallen entweder auf dem Sportplatz Schwellenmätteli auf, den die Kirchenfeld-Gymnasiasten benutzen, oder auf dem Schulweg der Schülerinnen und Schüler der NMS. Diese nehmen darauf teilweise die Hilfe von Psychologen in Anspruch. Verzweifelte Eltern melden sich auf Zeitungsredaktionen. Lehrerinnen und Lehrer beschweren sich beim Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät. Die Stadtverwaltung kündet Massnahmen an (siehe Infobox links).

Berner Zeitung

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