So reagieren die Bauern auf den tiefen Milchpreis

Konolfingen

Weil der Milchpreis in den Keller gesaust ist, rechnen viele Bauern damit, Tausende von Franken weniger zu verdienen. An einer Aussprache bei Nestlé in Konolfingen betonten sie, wie wichtig die Produktion vor Ort sei.

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Stephan Künzi

Noch vor ein paar wenigen Jahren schätzten sich die Bauern glücklich, wenn sie ihre Milch in die Industrie liefern konnten. Sie erzielten einen weit besseren Preis als all die Kollegen, die für den Käse- und insbesondere den Emmentaler-Markt produzierten. So jedenfalls war es im Mai 2011, als die Lieferanten der Emmentaler Schaukäserei in Affoltern beschlossen, ihrer langjährigen Abnehmerin den Hahn zuzudrehen. Und stattdessen die Zukunft im Industriekanal suchten, wo sie pro Kilo statt rund 50 Rappen immerhin noch 60 Rappen lösen konnten.

Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. Während die Milch für den Emmentaler wieder um die 58 Rappen herum abwirft, ist der Preis für die Industriemilch regelrecht in den Keller gesaust. Er sank von 67 Rappen im Februar 2014 auf 53 Rappen im Februar 2015 – oder anders ausgedrückt: Ein durchschnittlicher Betrieb mit einer Produktion von rund 100'000 Kilo Milch pro Jahr verdient in dieser Zeit auf einen Schlag 14'000 Franken weniger. Ausser der Preis würde sich markant erholen.

Zu schaffen macht die Situation gerade den Bauern in und um Konolfingen, die mit dem lokalen Nestlé-Werk einen industriellen Milchverarbeiter vor der Haustür wissen. Auf Anregung der Bauernorganisation Lobag haben sie sich daher mit der Nestlé-Spitze zur Aussprache getroffen. Mit am Tisch sass die einst von der Lobag initiierte Handelsfirma Aaremilch, die die Milch bei den Bauern holt und nach Konolfingen sowie zu weiteren Abnehmern führt. Mit ihnen verhandelt sie auch über die Mengen und den Preis.

Weltweit im Tief

An diesem Treffen habe man den Verarbeitern klarmachen wollen, «dass bei einem Preis von nur 53 Rappen längerfristig sehr viele aus der Milchproduktion aussteigen werden», stellt Adrian Affolter im Namen der Lobag fest. Als einer, der den Milchmarkt seit langem beobachtet, weiss er zwar, dass Nestlé in Konolfingen die Milch vor allem zu Babynahrung für den Export verarbeitet. Und dass deshalb der tiefe Weltmarktpreis für die aktuelle Baisse verantwortlich ist. Dazu drückt der starke Franken auf die Erträge aus dem Ausland, aber: In einer von Grasland geprägten Region wie jener um Konolfingen sei es wichtig, betont Affolter, ständig auf den Wert der Milch hinzuweisen. Darauf also, dass die Produktion vor Ort, auf die Nestlé doch so viel Wert lege, halt ihren Preis habe.

Hohe Produktionskosten

Das ist auch Landwirt Daniel Kläsi aus Allmendingen wichtig. Als betroffener Milchproduzent hat er an der Aussprache teilgenommen. «Die 53 Rappen verunmöglichen es mir, nachhaltig Milch zu produzieren», sagt er. Mit diesem Preis komme er nur deshalb halbwegs zurecht, weil er mit alten, abgeschriebenen Gebäuden wirtschaften könne. Früher oder später wolle er sich aber weiterentwickeln, das mache Investitionen nötig, «und dann werde ich mir überlegen müssen, die Milch aufzugeben». Zu hoch seien die Produktionskosten hierzulande – für allfällige Bauarbeiten in der Zukunft gelte das genauso wie bereits heute für Futtermittel oder Tierarzneien.

Schon länger mit dieser Frage auseinandergesetzt haben sich Beat Keller und sein Sohn Marc in Freimettigen. Letztes Jahr haben sie die Antwort gefunden und sich entschieden, die Milchkühe zu verkaufen und stattdessen die Eierproduktion massiv auszubauen. Künftig werden auf ihrem Hof statt 2700 gleich 12000 Hennen legen – in diesem Markt könne er die weit besseren Preise erzielen, sagt Beat Keller dazu. Und ergänzt: Die unsichere Situation rund um die Milch habe den Ausschlag für den Wechsel gegeben. «Ich denke, dass der Betrieb nun für die Zukunft unter der nächsten Generation gewappnet ist.»

Gefahr für Tourismus

Wie Kellers haben sich in letzter Zeit viele Bauern von der Milch abgewendet. Weil die verbleibenden dafür aber umso mehr produzieren, wird die Schweiz sogar mittelfristig kaum auf dem Trockenen sitzen. Lobag-Vertreter Affolter argumentiert denn auch auf einer ganz anderen Ebene für einen besseren Preis: Wenn sich die Milch für die Bauern nicht mehr lohne, werde immer mehr Grasland nicht mehr gepflegt. Es vergande, und das sei für das Tourismusland Schweiz nur negativ.

Berner Zeitung

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