«Sigi war für alle ein Anderer»

Bern

Das Stadtberner Original Sigi ist Ende Mai mit 72 Jahren gestorben. Er wurde seit langem nicht mehr in der Innenstadt gesehen, ist aber vielen in Erinnerung geblieben.

Das Stadtoriginal auf einem seiner seltenen Streifzüge durch die Altstadt im Herbst 2013. Quelle: youtube.com/Zeitmaschine.TV

Claudia Salzmann@C_L_A

Das Stadtoriginal Sigi ist am 29. Mai im Alter von 72 Jahren verstorben, wie der «Bund» am Dienstag berichtete. Sigi hiess mit bürgerlichem Namen Siegfried Nuck. Der gebürtige Österreicher war bekannt dafür, wie er rufend, singend und fluchend durch Berns Gassen ging, stets in Begleitung einer Bierflasche. Er war mit seiner Grösse und seinem Bart eine imposante Erscheinung, die den meisten Passanten in Erinnerung blieb.

Wie der «Bund» weiter schreibt, habe der gebürtige Österreicher im Emmental eine Metzgerei geführt, sei verheiratet und Vater zweier Töchter gewesen. Nach der Scheidung und einem Suizidversuch sei er auf der Strasse gelandet.

Seit Dienstag kursiert ein Video im Internet, das ihn zeigt, wie er einer Frau ein Ständchen hält. «Wir haben uns an diesem Abend kennengelernt und waren gemeinsam unterwegs», erklärt die deutsche Musikerin Josephine. Als er aus dem Nichts angefangen habe, ihr ein Lied mit seiner Bassstimme vorzusingen, war sie natürlich überrascht. «Es war sehr schön und ich war auch etwas verlegen, wie man im Video sieht», erklärt sie weiter.

«Sigi war auch ein Entertainer»

Von seinem Tod hat Josephine am Dienstag durch die Sozialen Medien und dem genannten Video erfahren. Gefilmt wurde die Situation von Christian Lüthi, der das Stadtoriginal von früher kennt. «Sigi war ja seit Jahren nicht mehr in der Stadt sichtbar. Daher ist es erstaunlich, dass sich die Leute noch immer an ihn erinnern», erklärt Lüthi auf Anfrage.

1979, als Christian Lüthi 9-jährig war, sei Sigi als Gast in die thearpeutische Wohngemeinschaft seines Vaters in Hofen bei Ursenbach gekommen. «Da habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Erst ungefähr 1997 traf ich in Bern wieder auf ihn. Er hat sich nach fast 20 Jahren an die paar Wochen in der Mühle Hofen erinnert», sagt er. Daraufhin seien sie sich ab und zu begegnet.

Etwa zehn Jahre später habe er ihn auch mal bei einem Kurzauftritt zusammen mit der Band «Zeno Tornado» im Garten seines Wohnhauses gesehen. «Für mich war Sigi vor allem auch ein Entertainer, nicht einfach ein Randständiger und Alkoholiker», sagt Lüthi.

Richtig gekannt habe er ihn wohl auch nicht. Sigi sei wohl für alle ein etwas Anderer gewesen. Jeder habe einen eigenen Zugang zu ihm gefunden. Dies würden auch die zahlreichen Erinnerungsgeschichten auf Facebook zeigen, die das Bekanntwerden seines Todes und das kurze Filmchen in kürzester Zeit hervorgerufen haben. «Sigi ist es irgendwie gelungen, seine Gemütslage mit den unterschiedlichsten Leuten zu teilen», so Lüthi.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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