Bern

Sieben Jahre wegen versuchter Anstiftung zum Ehrenmord

BernDas Obergericht hat gestern eine 67-jährige Türkin wegen versuchter Anstiftung zum Mord zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Eine 67-jährige Türkin hat ihre Schwiegertochter bei der Familie angeschwärzt. Jetzt wegen versuchter Anstiftung zum Mord zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Eine 67-jährige Türkin hat ihre Schwiegertochter bei der Familie angeschwärzt. Jetzt wegen versuchter Anstiftung zum Mord zu sieben Jahren Haft verurteilt. Bild: Keystone

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Für das Obergericht ist der Fall eindeutig: Eine 67-jährige Türkin hat versucht, den Vater ihrer Schwiegertochter zum Mord anzustiften. Die Beschuldigte wurde zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt.

Das Regionalgericht Bern-Mittelland hatte vor einem Jahr eine Strafe von 42 Monaten, also nur die Hälfte, wegen versuchter Anstiftung zu vorsätzlicher Tötung verhängt. Sowohl die Staatsanwaltschaft wie auch der Pflichtverteidiger haben gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Der Staatsanwalt forderte eine Haftstrafe von sechs Jahren wegen Anstiftung zum Mord, der Verteidiger forderte einen Freispruch.

Fatima* gehe der Prostitution nach. Sie begehe Ehebruch. Sie soll ihre Jungfräulichkeit schon vor der Ehe verloren haben. Diese und weitere Vorwürfe schrieb die 67-jährige Schwiegermutter in einem Brief an die Nachbarn von Fatimas Eltern in Anatolien. Keiner dieser Vorwürfe traf zu. Später erhielt auch der Gemeindepräsident des kleinen Dorfes einen Brief mit demselben Inhalt. Die in Bern lebende Schwiegermutter forderte Fatimas Vater dazu auf, «die Familienehre zu reinigen». Weiter beschrieb sie ihre Schwiegertochter als «Cobra», die ein liederliches Leben führen würde, «schlimmer als die europäischen Weiber».

Ehe von Familie eingefädelt

Die junge Fatima kannte ihren zukünftigen Mann nicht, als ihre Familie die Ehe einfädelte. Sie lebte bis zu ihrer Hochzeit in einem kleinen Dorf in der Türkei. Kurz danach, im Jahr 2001, zog sie mit ihrem Mann nach Bern. Die eheliche Wohnung lag direkt neben der Wohnung der Schwiegereltern. Die Ehe war für die heute 33-jährige Frau eine lange Leidensgeschichte. Ständig habe die Schwiegermutter sie kritisiert. Sie habe auch die Wohnung der Schwiegereltern geputzt und für sie gekocht, sagte Fatima bei der Gerichtsverhandlung im letzten Jahr.

Der Ehemann litt unter Schizophrenie und war deswegen mehrfach in der psychiatrischen Klinik Waldau zur stationären Behandlung. Ausserdem soll er regelmässig Drogen konsumiert haben. Als er im April 2007 angefangen habe, Heroin zu spritzen, hat Fatima ihn verlassen und ist ins Frauenhaus geflüchtet. Der Ehemann begab sich danach in eine Klinik, offenbar um seine Sucht zu therapieren. Nach nur drei Tagen holte ihn aber seine Mutter dort wieder ab. Danach schrieb sie die unheilvollen Briefe. Fatima konnte ihre Familie aber davon überzeugen, dass die Vorwürfe in dem Brief aus der Luft gegriffen sind.

Vor dreieinhalb Jahren starb Fatimas Ehemann an einer Überdosis Medikamenten. Er wurde in der Türkei beerdigt.

Ehre als Familiengut

Weder die Beschuldigte noch Fatima erschienen gestern vor dem Obergericht. Lediglich die Anwälte hielten ihre Plädoyers.

Obwohl die Briefe keine direkte Aufforderung zum Mord enthielten, sei die Botschaft vor dem soziokulturellen Hintergrund in Anatolien unmissverständlich, sagte Generalstaatsanwalt Rolf Grädel. Die Ehre geniesse in diesem Kulturkreis oberste Priorität. «Die Ehre ist wichtiger als Leib und Leben», so Grädel. Zudem sei die Ehre ein Gemeingut der Familie. Wenn die Tochter sich «ehrlos» verhalte, sei die ganze Familie betroffen. Grädel: «In einem solchen Fall gibt es keine Alternative zum Ehrenmord.» Die Angeklagte handelte mit direktem Vorsatz und habe den Tod ihrer Schwiegertochter gewollt, sagte Grädel und forderte eine Haftstrafe von sechs Jahren.

«Ehrenmord nicht zwingend»

«Sie wollte ihrer Schwiegertochter mit den Briefen Unannehmlichkeiten bereiten», sagte Pflichtverteidiger Peter Weibel. Es sei nicht zulässig, aus den Briefen seiner Mandantin den Schluss zu ziehen, dass sie den Tod ihrer Schwiegertochter gewollt habe. Es gebe schliesslich 70 Millionen Einwohner in der Türkei. Wenn Ehebruch ein Grund für Ehrenmord sein sollte, dann würden solche Delikte sehr viel häufiger vorkommen. Deshalb müsse die 67-Jährige nach dem Grundsatz «im Zweifel für die Angeklagte» freigesprochen werden. Ausserdem wies er auf den schlechten gesundheitlichen Zustand seiner Mandantin hin. Sie leidet an Asthma, Diabetes, dem grünen Star und war bereits mehrfach wegen psychischen Gebrechen in Behandlung.

«Für türkische Augen»

Das Obergericht hatte keinen Zweifel an den Absichten der Angeklagten: Sie wurde zu sieben Jahren Haft wegen versuchter Anstiftung zum Mord verurteilt. Mord, weil der Tat ein extremer Egoismus und eine extreme Geringschätzung des Lebens von Fatima zugrunde lag. Die Botschaft der Angeklagten sei unmissverständlich gewesen. «Die Briefe waren für türkische Augen und türkische Ohren bestimmt», sagte Gerichtspräsidentin Franziska Bratschi. «Die Vorwürfe waren reine Behauptungen.»

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Verteidigung kann beim Bundesgericht Berufung einlegen. Bei einer Verurteilung droht der 67-jährigen Türkin zudem die Ausschaffung.

*Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.01.2012, 09:51 Uhr

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