Sie war vor 45 Jahren illegal am Start

Murten

Weil Frauen noch nicht startberechtigt waren: Die bekannte Mittel- und Langstreckenläuferin Marijeke Moser wurde 1973 am Murtenlauf kurz vor dem Ziel aus dem Rennen gezerrt.

Sie schrieb Geschichte. Marijeke Moser nahm 1973 illegal als erste Frau am Murtenlauf teil und löste eine öffentliche Kontroverse aus.<p class='credit'>(Bild: Enrique Muñoz García)</p>

Sie schrieb Geschichte. Marijeke Moser nahm 1973 illegal als erste Frau am Murtenlauf teil und löste eine öffentliche Kontroverse aus.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Jeweils am ersten Sonntag im ­Oktober ist in Murten nichts wie sonst. Je nachdem, wen man fragt, ist es der Tag unter dem Motto «Gring ache und seckle» oder der Tag, an dem ein penetranter Duft nach Duli-X-Creme das Städtchen umhüllt.

Es ist auch der Tag, an dem die Parkplatzsuche noch aussichtsloser erscheint als sonst, und der Tag, an dem sich die Gassen nach dichtem Gedränge innert Minuten leeren. Kurz: Es ist der Sonntag des traditionellen Murtenlaufs. Seit 1933 treffen sich hier nationale und internationale Läufer, um sich im Wettkampf um die 17,17 Kilometer nach Freiburg zu messen.

«Ich habe nie ­verstanden, wieso damals in der Schweiz Frauen nicht mitmachen durften.»Marijeke Moser

Für die Frauen ist die Geschichte des Murtenlaufs jedoch um etliches jünger. Erst 1977 durften sie sich erstmals in die Teilnehmerliste eintragen. Eine, die nicht so lange warten mochte, war die damals bereits international bekannte Mittel- und Langstreckenläuferin Marijeke Moser. 1973 brachte sie kurzerhand eine Startnummer von zu Hause mit und reihte sich zwischen die Männer ein.

Organisatoren als Verhinderer

Eine Woche vor dem nächsten Murtenlauf hat Moser Interessierten und der anwesenden Presse bei einem Stadtrundgang erzählt, wie die Leute darauf reagiert haben. «Den Organisatoren gefiel meine Aktion nicht, dem Publikum schon», fasst sie die Geschehnisse von 1973 zusammen.

Ihr damaliger Mann, der erfolgreiche Sportler Albrecht Moser, war auch am Start, und sie sah den Murtenlauf als ideales Training für nächste grössere Wettkämpfe. Moser spurtete los, seine Frau hinterher. Ein Helfer habe sie noch aufhalten wollen, aber sie sei weitergerannt.

Moser dazu: «Ich habe nie verstanden, wieso damals in der Schweiz Frauen nicht mitmachen durften.» Man habe sie mit fadenscheinigen Argumenten abgewimmelt. So wurde unter anderem erklärt, Frauen könnten nach einem solchen Wettkampf keine Kinder mehr gebären. Die heute 72-Jährige bemerkt lächelnd, dass sie Mutter von zwei Kindern geworden ist.

Kurz vor dem Zieleinlauf war dann Schluss für die gebürtige Holländerin. Starke Männerhände zerrten sie aus dem Rennen. Ihr etwas spezielles Training hatte Moser trotzdem gehabt, und mit ihrer illegalen Teilnahme löste sie eine öffentliche Kontroverse aus. Die Organisatoren rügten ihren damaligen Mann.

Er habe seine Frau nicht im Griff, meinten sie. Dass der Spitzensportler die Teilnahme seiner Frau begrüsste, sprengte die Vorstellungskraft dieser Männer. Auf der anderen Seite gab es vom Publikum und einigen Teilnehmern viel Applaus und Ansporn.

Die Läuferin wurde gefeiert, und tags darauf doppelte die Presse nach. Der Männerclub war dem Untergang geweiht, auch wenn es noch vier Jahre dauerte, bis 20 Läuferinnen das Rennen um die Medaille bereicherten.

Alle können mitmachen

Sie habe nicht aus politischen Gründen gehandelt, präzisiert Moser, doch über das Resultat habe sie sich gefreut. Frauen von Läufen auszugrenzen, sei der Schweiz unwürdig gewesen. Gefreut hat sie sich auch über ihre beiden Siege: 1977 und 1978 gewann sie den Murtenlauf.

Der kommende Lauf zeigt auch den Wandel des traditionsreichen Anlasses. Nach einer Krise in den 90er-Jahren wurde das Konzept angepasst. Heute wird der Murtenlauf als gemischter Volkslauf mit mehreren Schwierigkeitsgraden organisiert. Familien wie Spitzensportler können teilnehmen, und neben der sportlichen Leistung zieht das Fest in Freiburg zahlreiche Leute an.

Marijeke Moser wird nächsten Sonntag nicht mit am Start sein. Biken sei gesünder, sagt sie und lacht etwas wehmütig. Nachdem man ihr beide Achillessehnen operieren musste, trainiert sie nur noch sachte. Doch im nächsten Jahr wolle sie vielleicht wieder an den Start, zusammen mit einer anderen erfolgreichen Sportlerin. Mehr lässt sich Moser noch nicht entlocken.

Berner Zeitung

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