Bern

Selbstversuch: Blind durch Berns Gassen

Bern«Hören wie Blinde». Unter diesem Titel bietet der Lehrer für Orientierung Jean-Luc Perrin Stadtrundgänge an. Ein Selbstversuch offenbart ein beeindruckendes Sinneserlebnis.

Augen zu und durch: Mit verbundenen Augen durch Bern.

Augen zu und durch: Mit verbundenen Augen durch Bern. Bild: Walter Pfäffli

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Und dann ist es dunkel. Ich stehe mitten in der Stadt Bern, am Casinoplatz, und kann nichts mehr sehen. Der Arm, den mir Jean-Luc Perrin anbietet, ist meine Stütze, und der ausgebildete Lehrer für Orientierung und Mobilität ersetzt für die nächsten zwei Stunden mein durch die Augenbinde genommenes Sehvermögen. Aber nur zum Teil, denn, so will es Perrin, meine Herausforderung besteht darin, dass ich Bern hören soll. Die Hauptstadt hören statt sehen, so wie es blinde Menschen tagtäglich tun müssen.

Lärm ist wichtig. Die Geräusche von Autos, Bussen und Trams sind nicht mehr einfach Lärm. Sie wahrnehmen, einordnen und die Quelle lokalisieren zu können, wird zur Grundlage, damit ich mich fortbewegen kann. Noch bin ich alles andere als trittsicher, und ohne Jean-Luc Perrin wäre ich ziemlich verloren. «Entspanne dich», sagt er. Das gelingt mir mit der Zeit. Und das Vertrauen in meinen sehenden Begleiter steigt.

«Wann immer du glaubst, einen Brunnen plätschern zu hören, sagst du es mir.» Nun gut, vorläufig höre ich Schuhe klappern, schlurfende Schritte und Menschen reden. Noch versuche ich mir bildlich vorzustellen, wo wir gerade sein könnten. Erst als ich mich nach einigen Minuten von diesen verwirrenden Vorstellungen verabschiedet habe, werden die Ohren zum Augenersatz. «Da vorne ist ein Brunnen», sage ich, und Jean-Luc führt mich bis auf einige Meter an die Geräuschquelle heran. Die letzten gehe ich ohne Hilfe. «Höre genau hin, wo das fliessende Wasser im Becken auftrifft, und schnappe mit der Hand nach dem Wasserstrahl», so die Aufforderung meines Begleiters. Ich greife zu. Daneben. Beim zweiten Versuch bekomme ich nasse Hände – geschafft.

Es wird eng und weit. Rechts von mir «spüre» ich etwas, ohne es zu berühren. Es ist eine Hauswand. «Wir sind am Anfang eines Laubenganges. Du sagst mir, wann wir wieder im Freien sind. Du wirst den Unterschied hören», sagt Jean-Luc Perrin. Recht hat er. Genau am Ende der Arkaden stelle ich fest, dass die Geräusche, die Echos, sich verändern.

Wir stehen vor dem Jüngsten Gericht beim Münster. Spatzen und Touristen sind zu hören. Beim Eintritt in das gotische Bauwerk fällt als Erstes der Temperaturunterschied auf. Wir treten unter der Empore hervor in den Raum des 20 Meter hohen Mittelschiffs, und ich kann die Höhe und den Unterschied zum engeren Raum unter der Empore mit meinen Ohren sehen. Zum Abschluss des Rundganges stehen wir auf der Münsterplattform. Ich erfahre, dass das Rauschen der Aare an der Schwelle unterschiedlich tönen kann. Links vom Spiel- und Lesepavillon klingt das Wasser anders als auf der rechten Seite des Gebäudes. Vor Ort muss ich nach zwei Stunden die Augenbinde abnehmen, und das Wasser bekommt einen dritten Klang. In Kombination mit dem Augenlicht und den im Vergleich zu 120 Minuten vorher stärker wirkenden Farben ergibt sich ein Gesamtes.

Trotz des beeindruckenden Stadtrundgangs bin ich aber froh, weiter auf die Symbiose von Ohr und Auge zählen zu dürfen – ich möchte sie nicht missen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.04.2012, 13:05 Uhr

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