Schulstunde in China

Dreizehn Schüler des Gymnasiums Neufeld nahmen in China an einem Jugendforum teil. Zum Beispiel die Zugfahrt von Peking nach Shanghai werden sie nicht so schnell vergessen.

Kulturschock: Berner Gymnasiasten in Shanghai.

Kulturschock: Berner Gymnasiasten in Shanghai. Bild: zvg

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Die Lobby des Everbright Convention Centre in Shanghai ist so gross wie eine Turnhalle. Es unterhalten sich Männer in Anzügen und Krawatte und Frauen im Deuxpièces. Das muss wohl ein wichtiger, internationaler Kongress sein, könnte man auf den ersten Blick vermuten. Erst bei näherer Betrachtung fällt auf: Das sind alles Teenager.

Über 700 Schüler aus elf Nationen kommen am World Youth Economic Forum (WYEF) in China zusammen, um über internationale Themen wie Flüchtlingskrise oder Nahrungsmittelsicherheit zu diskutieren sowie Lösungen zu finden. Dabei sind auch dreizehn Jugendliche des Gymnasiums Neufeld. Sie dürfen für einmal im Sommer in China WEF spielen, was sonst die Mächtigen der Welt im Winter in Davos tun.

Grosse Unterschiede

Schon bald merkt der 18-jährige Jonathan Koch, was für verschiedene Weltbilder hier aufeinanderprallen. In seinem Komitee haben die Gruppen die Aufgabe, ein Unternehmen zu führen: Sie machen einen Businessplan, dazu gehört auch, eine Marketingstrategie zu entwerfen. Eine rein chinesische Gruppe habe ihr «Propaganda Design» vorgestellt, erzählt er mit einem Schmunzeln. Das Unternehmen hätten sie «The Rising Sun» (die aufgehende Sonne) getauft, alles ausgeschmückt mit den Farben der chinesischen Flagge, Rot und Gelb.

Die Ideen von Mirjam Lindenmann kommen bei ihren chinesischen Kollegen zuerst nicht an. Sie ist im Komitee «Künstliche Intelligenz», in dem jede Gruppe ein Land vertritt. Aus dieser Perspektive, in ihrem Fall China, müssen sie technische Entwicklungen bewerten, befürworten oder verteidigen. Die 17-Jährige vermutet, dass die Chinesen ihre Ideen unterschätzen, weil sie aus der kleinen Schweiz stammt. «Zuerst wurde ich für meine Vorschläge belächelt, aber wenig später haben sie meine Ideen kopiert und als ihre eigenen Überlegungen präsentiert.»

Astrid Eicher bemerkt, wie schwer sich die chinesischen Kollegen damit täten, Fragen zu stellen und zuzugeben, dass sie etwas nicht verstünden. «Sie sind sehr stolz», stellt die 18-Jährige fest. Und Anne-Christine Leu erzählt, ihre chinesischen Kollegen träten sehr bestimmt auf und hätten Mühe, andere Meinungen zu akzeptieren.

Ein Grund: Die Bedeutung des WYEF ist bei den Schülern sehr verschieden. Während für die Europäer die Erfahrung der Teilnahme im Vordergrund steht, sind die Chinesen manchmal fast übereifrig. Für sie gibt es Auszeichnungen zu gewinnen, die dann auf dem späteren Bildungsweg helfen sollen.

Campieren an der Mauer

Trotz Irritationen: Mit einem Strahlen erzählen die Teilnehmer von ihren Erlebnissen. Noch mehr schwärmen sie von der Reise nach Peking, bevor das WYEF losging. Sie campierten neben der Chinesischen Mauer, wo «die Luft noch sauber und die Natur sehr grün war». Frühmorgens erlebten sie den Sonnenaufgang mit. Dann folgte eine 16-stündige Fahrt im Nachtzug nach Shanghai, da der Veranstalter vergass, den Schnellzug zu buchen. Dort erlebten die Berner das «richtige» China: im Sechserabteil mit schmatzenden, sich waschenden, sehr neugierigen Chinesen – für viele ein Kulturschock.

An diesen vier Tagen WYEF hätten die Schüler nicht nur gelernt, sich auf Englisch auszudrücken, sagt Michael Honegger, Lehrer für Wirtschaft und Recht. Vor einer grossen Gruppe präsentieren, Teamwork und über ein bestimmtes Thema recherchieren, «das sind Fähigkeiten, die man in 45-Minuten-Lektionen weniger gut beibringen kann als hier», ergänzt sein Kollege Patrik Hasler. Zudem haben die Schüler im Vorfeld per Crowdfunding Geld gesammelt. Es ist genug zusammengekommen, dass sie für den zweieinhalbwöchigen Aufenthalt nur noch 1500 Franken bezahlen müssen.

Die nächste Reise folgt

Bereits das vierte Mal sind die Berner dabei, auch nächstes Jahr soll es wieder nach Shanghai gehen. Jonathan Koch würde die ungewöhnliche Studienreise auf jeden Fall weiterempfehlen, trotz – oder gerade wegen – des Kulturschocks. «Erst wenn man selber hier in China war, realisiert man, wie gross die Unterschiede sind.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.08.2017, 11:31 Uhr

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