Schauspielchef Sidler: «Ich gehe ohne Frust»

Schauspielchef Erich Sidler verlässt das Stadttheater Bern nach fünf Jahren im Sommer 2012 wegen Differenzen mit dem neuen Direktor Stephan Märki. Ein möglicher Nachfolger steht offenbar schon bereit.

«Ich hinterlasse eine aufgeräumte Sparte mit viel Potenzial»: Der scheidende Schauspielchef Erich Sidler.

«Ich hinterlasse eine aufgeräumte Sparte mit viel Potenzial»: Der scheidende Schauspielchef Erich Sidler.

(Bild: Susanne Keller)

Oliver Meier@mei_oliver

Es hat sich abgezeichnet, nun ist es offiziell: Erich Sidler wird sein Engagement in der neuen Institution Konzert Theater Bern nicht fortsetzen. Nach Gesprächen mit dem neuen Direktor Stephan Märki fiel der «einvernehmliche» Entscheid, die Zusammenarbeit Mitte 2012 zu beenden. «Es ist kein emotionaler Schnellschuss, der Entscheid wurde sorgfältig abgewogen», hielt Sidler gestern auf Anfrage fest. Er habe mit Märki mehrere Gespräche geführt. Dabei sei deutlich geworden, dass sich ihre Vorstellungen über die Zukunft der Schauspielsparte «nur teilweise deckten». «Ich habe ein klares Konzept, wie sich die Sparte in der Vidmar weiterentwickeln sollte. Aber es ist an Stephan Märki, eine Gesamtvision für die mit 37 Millionen Franken subventionierte Institution zu entwickeln. Und wenn er andere Ideen hat, dann ist es nur konsequent, dass ich gehe», so Sidler.

Besondere Situation

Märki spricht von «einem der schwierigsten Personalentscheide» seiner Karriere. Sidler verdiene grossen Respekt für das, was er in Bern «gegen Widerstände» auf die Beine gebracht habe. Es sei aber durchaus üblich, dass mit dem Direktor auch das Führungspersonal wechsle. «In Bern haben wir bedingt durch die Fusion eine besondere Übergangssituation.» Das mache die Sache komplizierter. «Würden Erich Sidler und ich am selben Punkt beginnen, wäre eine Zusammenarbeit durchaus denkbar. Aber so könnte es früher oder später Probleme geben.» Die Differenzen seien nicht ästhetischer Natur, so Märki, es gehe viel mehr um die strategische Ausrichtung. «Sidler will verteidigen, was er zustande gebracht hat, und hat sehr konkrete Vorstellungen, was die Rolle seiner Sparte in den Vidmarhallen betrifft. Ich hingegen sehe alle Sparten an allen Spielorten», so Märki.

Sidlers Konzept, das bereits im Frühling hinter den Kulissen für Diskussionen sorgte, zielte auf eine Stärkung der Schauspielsparte in den Vidmarhallen. Konkret wollte der Schauspielchef das ungünstig gelegene Probelokal von der Felsenau in die Vidmar verlagern. Sidler spricht von einer «notwendigen Bündelung der Kräfte» und einem Ausbau der Infrastruktur. Der Plan hätte womöglich dazu geführt, dass die Ballettsparte ihre Heimat in der Vidmar verloren hätte. Kein Wunder, waren Sidler und Ballettchefin Cathy Marston zuletzt nicht mehr gut aufeinander zu sprechen.

«Mein Konzept ist nicht gegen das Ballett gerichtet», beteuert Sidler. Die aktuellen Bedingungen für das Ballett seien in der Vidmar nicht optimal. «Man müsste für das Ballett einen Ort schaffen, an der sich die Sparte besser entfalten könnte. Und ich wollte gemeinsam mit Cathy Marston dafür einstehen. Aber das war leider nicht möglich.»

Im Gegensatz zu Sidler hat Marston jüngst das Angebot angenommen, ihren Vertrag bis Mitte 2013 zu verlängern. Ob sie länger bleibt, ist noch offen. Märki wollte gestern dazu keine Stellung nehmen.

Eine Sparte für die Jugend

Sidler hatte auch im Bereich Jugendtheater konkrete Pläne. Sein Konzept sah die Schaffung einer neuen Sparte namens «junges Schauspiel» vor. «Wir haben bereits viel für Jugendliche gemacht. Nun wäre es an der Zeit, eine spezielle Sparte zu schaffen, die offensiv auf die Schulen zugeht, sich konsequent auf deren Bedürfnisse ausrichtet und spezielle Stücke für Jugendliche entwickelt», so Sidler. «Nur so lassen sich die Subventionen längerfristig legitimieren.» Märki sieht hier keinen Widerspruch zu seinen Vorstellungen: «Die Jugendarbeit ist zentral – aber in allen Sparten.»

«In Bern viel erreicht»

Er gehe «ohne Frust», aber durchaus «mit einem weinenden Auge», sagt Sidler. «Schliesslich haben wir nach langem Kampf nun endlich erreicht, dass das notorisch unterdotierte Schauspielensemble mittelfristig um sechs Stellen aufgestockt wird.» Er gehe im Wissen, «dass wir beim Schauspiel viel erreicht haben» und dass er eine «aufgeräumte Sparte mit viel Potenzial» hinterlasse. Was seine Zukunft betrifft, gibt sich Sidler bedeckt. «Ich habe Kontakte und werde sicher als Regisseur weiterarbeiten.» Ob er auch eine Funktion als Spartenleiter anstrebt, lässt er offen. Wer Sidlers Nachfolge antritt, dürfte sich laut Märki in Kürze entscheiden: «Ich habe eine konkrete Idee und werde meinen Vorschlag bald beim Stiftungsrat deponieren.»

Berner Zeitung

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