«Schach eignet sich als Ergänzung des Stundenplans»

Bern

Artur Jussupow ist am Donnerstag der Stargast im Loeb-Schaufenster. Der gebürtige Russe sagt, wie er Kinder für das königliche Spiel begeistern will und begründet, weshalb sich Schach als Schulfach eignet.

Artur Jussupow stand dreimal im Halbfinal der Schach-WM.

Artur Jussupow stand dreimal im Halbfinal der Schach-WM.

(Bild: zvg)

Was möchten Sie den Passanten im Schachschaufenster am Loeb-Egge vermitteln?Artur Jussupow: Ich möchte Interesse und Neugier wecken für Schach. Leuchtende Kinderaugen würden mein Herz erfreuen. Die Idee mit dem Schachschaufenster finde ich originell. Die Organisatoren zeigen viel Fantasie. Vielleicht werde ich ein Talent entdecken.

Und was sagen Sie dem Pensionär, der sich für Schach interessiert? Ich freue mich über den Besuch. Es ist nie zu spät, mit Schach anzufangen. Es ist eine schöne Freizeitbeschäftigung. Schach bringt neue Kontakte, man lernt interessante Menschen kennen. Schach hat mein Leben geprägt und mir so viel gegeben. Früher habe ich um die Weltmeisterschaft gespielt, heute kann ich mein Wissen an vielversprechende Talente weitergeben, Bücher schreiben und als Kommentator auftreten.

In Russland wird Schach viel stärker gefördert als in der Schweiz. Was bringt Schach einem Kind überhaupt? Das Kind lernt beim Schachspielen, sich besser zu konzentrieren. Die Welt ist hektisch geworden, Computerspiele und der Bereich Social Media schaffen ständig neue Anreize. Eine klassische Schachpartie dauert vier Stunden. So lange muss man am Brett konzentriert seine Arbeit verrichten. Ein einziger Fehler kann zum sofortigen Verlust des Spiels führen. Im Tennis dagegen, um nur ein Beispiel zu nennen, ist nach einem verschlagenen Ball in der Regel noch nichts passiert.

Sollte man Schach in der Schweiz als Schulfach einführen? Das fände ich eine gute Idee, allerdings nur auf freiwilliger Basis. Schach muss kein anderes Fach ersetzen, es eignet sich wunderbar als Ergänzung des Stundenplans. Im Schachunterricht lernen die Kinder, wie sie ein Problem lösen müssen. Sie lernen, eine Entscheidung zu treffen. Mit den Konsequenzen dieser Entscheidung müssen die Schüler dann leben. Für das spätere soziale Verhalten kann Schachtraining von grossem Nutzen sein.

Wie hat der Computer das Schach verändert? Zu meiner Zeit in der damaligen UdSSR tauschten die stärksten Spieler des Landes untereinander handgeschriebene Karteikarten und Notizbücher aus, wenn sie in die Geheimnisse einer Eröffnung eintauchen wollten. Heute erledigt der Computer innert Sekunden diese Arbeit, für welche wir damals ein halbes Jahr benötigten. Ich möchte es so vergleichen: Früher gingen wir zu Fuss durchs Leben, heute sind alle mit dem Porsche unterwegs. Das hat den Nachteil, dass man die Landschaft nicht mehr geniessen kann, sie rauscht nur so vorbei an uns.

Wie meinen Sie das? Der Computer liefert geniale Züge, er erklärt diese aber nicht. Vor dem Computerzeitalter hatten wir wahrscheinlich fehlerhafte Analysen, dafür umso bessere Erklärungen (lacht). Die jungen Spieler müssen aufpassen, dass sie nicht zu Sklaven der Schachprogramme werden und Züge nur noch auswendig lernen.

Sie sind nicht nur ein hervorragender Spieler, sondern auch ein gefragter Kommentator, Buchautor und Trainer. Reichen Sie Ihr Wissen auch weiter? Ja. Ich arbeite gegenwärtig auch mit vier Berner Talenten: Jan und Lars Rindlisbacher, Noël Studer sowie Lena Georgescu. Sie entwickeln sich vielversprechend. Wir trainieren per Skype auf der Onlineplattform Chess Base. So können wir auf einem virtuellen Schachbrett gemeinsam Varianten berechnen, Analysen besprechen und berühmte Partien nachspielen.

Berner Zeitung

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