Sans-Papiers, aber nicht ohne Hilfe

Bern

Vor zehn Jahren hat Anne-Marie Saxer-Steinlin die Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers ins Leben gerufen. Im Interview spricht die Juristin über ihre Arbeit mit Menschen, die eine Existenz im Verborgenen führen.

Anne-Marie Saxer-Steinlin: «Der politische Druck auf Migrantinnen und Migranten ist enorm gestiegen.»

Anne-Marie Saxer-Steinlin: «Der politische Druck auf Migrantinnen und Migranten ist enorm gestiegen.»

(Bild: Beat Mathys)

Christoph Albrecht

Frau Saxer-Steinlin, Sie sind Vizepräsidentin der Beratungsstelle für Sans-Papiers und waren vor zehn Jahren bei der Gründung mit dabei. Was gab damals den Anlass dazu?
Anne-Marie Saxer-Steinlin: Nach der Jahrtausendwende schwappte die Sans-Papiers-Bewegung von Frankreich nach Bern über. Es gab Kirchenbesetzungen und auf politischer Ebene Versuche, kollektive Regularisierungen für Personen ohne Aufenthaltsbewilligung zu erreichen. Die Lösungen waren allerdings ernüchternd. Da entstand auf Initiative der Landeskirchen die Idee, eine private und vertrauenswürdige Beratungsstelle zu schaffen, um diesen Menschen immerhin den Alltag humaner zu gestalten.

Wie sieht die Unterstützung konkret aus?
Auf unserer Beratungsstelle erhalten die Sans-Papiers ein Gegenüber, das ihnen zuhört. Oft haben diese Leute jahrelang niemandem ihre Geschichte erzählen können. Wir klären Sie zudem über ihre Rechte auf, etwa punkto Arbeitsbedingungen oder Bildungsangeboten.

Mit welchen Anliegen kommen die Sans-Papiers zu Ihnen?
Primär fragen sie nach den Möglichkeiten, wie ihr Aufenthalt regularisiert werden kann. Oft geht es auch darum, dass sie heiraten wollen, was jedoch sehr schwierig geworden ist. Themen sind auch Gesundheitsprobleme oder die Einschulung ihrer Kinder.

Als offizielle Stelle helfen Sie Menschen, die sich offiziell gar nicht hier aufhalten dürfen. Wie lässt sich das mit dem Gesetz vereinbaren?
Gemäss Ausländergesetz macht man sich erst dann strafbar, wenn man einer Person ohne Aufenthaltsbewilligung zum Beispiel dauerhaft seine Wohnung zur Verfügung stellt oder einen Sans-Papiers als Arbeitskraft anstellt. Die Beratung an und für sich ist aber nicht illegal.

Ihre Beratungen finden an einer offiziellen Adresse mitten in Bern statt. Ist dies nicht geradezu eine Einladung für die Fremdenpolizei?
Nein. Wir haben unsere Arbeit von Anfang an öffentlich gemacht und die Polizei darum gebeten, uns arbeiten zu lassen.

Und tut sie das?
Ja. Ihre Priorität ist die Verfolgung von kriminellen Personen. Bei uns werden keine Razzien durchgeführt.

Sans-Papiers leben im Versteckten und versuchen nicht aufzufallen. Wie erfahren sie von Ihrem Beratungsangebot?
Meistens durch Mundpropaganda. Häufig sind sie zu Beginn aber noch skeptisch und schicken erst einmal einen Bekannten, der legal hier lebt. Sobald sie dann Vertrauen aufgebaut haben, kommen sie zu uns.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten zehn Jahren verändert?
Sie ist schwieriger und anspruchsvoller geworden. Im Ausländerrecht hat es viele Verschärfungen gegeben, wie etwa das Heiratsverbot für Personen ohne Aufenthaltsbewilligung oder das Gesetz zur Bekämpfung von Schwarzarbeit.

Wie wirkt sich das aus?
Der politische Druck auf Migrantinnen und Migranten ist enorm gestiegen. Das führt dazu, dass mehr und mehr Leute in sehr prekäre Situationen kommen, aus dem System fallen und zu Sans-Papiers werden.

Kommen heute mehr Leute zu Ihnen in die Beratung als noch vor zehn Jahren?
Viel mehr. Wir werden heute überschwemmt von Anfragen und bräuchten eigentlich dreimal so viele Ressourcen. Die steigenden Zahlen haben allerdings nicht unbedingt damit zu tun, dass es mehr Sans-Papiers gibt, sondern weil sich unser Angebot rumgesprochen hat.

Welche Erfolge haben Sie bisher erzielen können?
In erster Linie sind wir glücklich, dass es uns noch immer gibt. Als Beratungsstelle haben wir uns etabliert und 2013 sogar den Integrationspreis der Stadt Bern erhalten. Das war toll. Die grössten Erfolge sind jedoch, wenn man es geschafft hat, dass ein Sans-Papiers eine Aufenthaltsbewilligung erhält.

Wie oft kommt das vor?
Wenn es hoch kommt, etwa in fünf bis zehn Fällen pro Jahr.

Bei jährlich 2000 Beratungen eine bescheidene Erfolgsquote. Kommt da nicht Frust auf?
Nein, denn die restliche Arbeit ist ja nicht einfach für nichts gewesen. Ausserdem kommt in all den persönlichen Gesprächen jeweils extrem viel zurück.

Wie gehen Sie mit den Geschichten ohne Happy End um?
Das gehört zum Alltag. Es kann sein, dass jemand auf die Beratungsstelle kommt und dann nie mehr auftaucht, weil er aufgegriffen wurde. Damit muss man leben. Schliesslich braucht es auch eine Balance zwischen Empathie und nötiger Distanz. Unsere Beraterinnen müssen aber schon eine Elefantenhaut besitzen.

Was sind Ihre Ziele?
Wir wollen weiterhin das Problem der Sans-Papiers weniger schwerwiegend machen. Konkret heisst das zurzeit vor allem, grosszügigere Härtefallbewilligungen zu erreichen. Schön wäre es natürlich, wenn es uns irgendwann nicht mehr bräuchte. Das ist und bleibt aber eine Illusion.

Berner Zeitung

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