Sandra Decker hilft gratis in der Migros

Münchenbuchsee

In der Migros hilft die geistig behinderte Sandra Decker den Angestellten beim Auspacken und Einräumen. Dies belebt den Alltag aller Beteiligter.

Ihre Hilfe ist willkommen: Die geistig behinderte Sandra Decker (links) packt in der Migros Münchenbuchsee gerne mit an.

Ihre Hilfe ist willkommen: Die geistig behinderte Sandra Decker (links) packt in der Migros Münchenbuchsee gerne mit an.

(Bild: Beat Mathys)

Christian Zeier@ch_zeier

Im Einkaufskorb von Sandra Decker liegt ein einsamer Schokoriegel. Sie selbst ist nirgends zu sehen. Die Kommissionen in der Migros Münchenbuchsee sind jetzt nicht mehr wichtig. Sandra Decker steht drei Regale weiter und hilft einer Angestellten beim Einräumen. Seit Jahren kommt sie regelmässig in die Migros, seit wenigen Monaten hilft sie aktiv mit: Packungen aufreissen, Regale einräumen, Kunden beraten – und hie und da auch etwas einkaufen. Fast alle Mitarbeitenden kennt sie beim Namen, einer hat ihr gar sein Namensschild geschenkt. Es war wie ein Ritterschlag für die Frau, die mit ihrer offenen Art um Anschluss an das alltägliche Leben kämpft: Sandra Decker, 46 Jahre alt, geistig und psychisch behindert.

Leben in der Wohngruppe

Fünf Jahre lebt Sandra Decker nun in Münchenbuchsee. Nach einer Odyssee durch verschiedene Institutionen wechselte sie im Jahr 2005 von der Psychiatrischen Klinik Waldau in die Wohngruppe Silberdistel. Hier bekommt sie so viel Freiraum wie möglich und so viel Hilfe wie nötig. «Wer bei uns lebt, hat meist etliche Stationen hinter sich», erklärt Leiterin Christine Leu. «Entweder gefiel es ihnen sonst nirgends, oder man wollte sie nicht.» Fünf Bewohnerinnen und Bewohner leben in der Wohngemeinschaft, etwas mehr als 600 Stellenprozente stellen die Betreuung sicher. Wenn Christine Leu über ihre Arbeit spricht, wird schnell klar, dass die Silberdistel mehr ist als ein Heim zur Unterbringung von behinderten Menschen: «Um auf einen Bewohner eingehen zu können, um seine Wünsche zu verstehen, muss man erst eine Beziehung zu ihm aufbauen.» In grösseren Institutionen sei dies in dem Masse unmöglich.

Die Wohngruppe an der Bernstrasse ist einer von vier Standorten des Wohngruppenverbandes der Interessengemeinschaft Sozialpsychiatrie Bern. Seit 1988 setzt sich diese dafür ein, geistig und psychisch behinderten Erwachsenen in professionell betreuten Wohngruppen ein Zuhause zu bieten. Noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren wurden viele behinderte Menschen mit schwierigem Verhalten in psychiatrischen Kliniken hospitalisiert.

Um die Wohngruppe der Öffentlichkeit näherzubringen, haben die Bewohner der Silberdistel zusammen mit einem Filmteam einen Trailer gedreht. Ab Anfang Februar ist der Kurzfilm auf der Homepage der Wohngruppe aufgeschaltet.

Migros-Kunden fragten nach

«Mich freut es immer, wenn Sandra vorbeischaut», sagt Jela Santor und reicht ihrer Gehilfin eine Schachtel voller Chips-Tüten. Die Migros-Mitarbeiterin hat sichtlich Spass an der Zusammenarbeit. «Ihre Besuche bringen Abwechslung in den Alltag», sagt sie und fügt mit einem Lächeln an: «Vor kurzem hat sie mir sogar eine Weihnachtskarte geschenkt.» Während das Team Santor/Decker emsig die Regale auffüllt, schaut Filialleiter Gianni Flumene vorbei. Als er im Mai 2010 die Filiale übernahm, gab es die Mitarbeiterin Decker gleich dazu. «Die Kundschaft schätzt ihre Anwesenheit», ist sich Flumene sicher. «Sie plaudert mit den Leuten oder hilft ihnen. Probleme oder Reklamationen hat es noch nie gegeben.» Wohngruppenleiterin Christine Leu hat sogar das Gegenteil erlebt. Kürzlich habe sich Sandra nicht gut gefühlt und sei einige Tage nicht in der Migros erschienen. Da hätten sich Mitarbeiter und Kunden nach ihr erkundigt. «Solche Reaktionen zeigen, dass die Integration funktioniert. Sandra wird nicht geduldet, sie gehört dazu.»

Berner Zeitung

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