«Sachlich falsch und politisch unsensibel»

Kanton und Stadt Bern rea­gieren enttäuscht und scharf auf die Verlegung des Radiostudios nach Zürich.

Regierungsrat Christoph Ammann und Stadtpräsident Alec von Graffenried-.chtr

Regierungsrat Christoph Ammann und Stadtpräsident Alec von Graffenried-.chtr

(Bild: Raphael Moser / Andreas Blatter)

Eine Überraschung ist der Entscheid des SRG-Verwaltungsrats nicht. Schon lange war durchgesickert, dass eine Mehrheit des Gremiums sich für einen Umzug des SRF­Radiostudios von der Berner Schwarztorstrasse nach Zürich aussprechen dürfte.

Dennoch konnten sich die Gegner des Projekts an zwei Dinge klammern: Erstens an die Zusammensetzung des Verwaltungsrats, der vom Walliser Jean­Michel Cina präsidiert wird. Von ihm hatte man sich in Bern erhofft, dass er für einen Verbleib des Studios in Bern weibeln würde. Zweitens war der Widerstand gegen die SRG-Umzugspläne am Schluss derart gross, dass der Druck auf den Verwaltungsrat gestiegen war.

«Vertrauen beschädigt»

Genützt hat alles nichts, Bern wird grosse Teile des Radiostudios an Zürich verlieren. Entsprechend gross ist die Enttäuschung bei den offiziellen Stellen. Stadt und Kanton Bern schrieben gestern Abend in einer gemeinsamen Mitteilung mit der Hauptstadtregion Schweiz von einem «sachlich falschen und politisch unsensiblen» Entscheid. Die SRG-Spitze verabschiede sich zunehmend von der Grundidee eines regional verankerten Service public.

Der Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) findet sehr klare Worte: «Das Vertrauen des Regierungsrates in die SRG-Spitze ist nach diesem Entscheid massiv beschädigt.» Er habe vom Verwaltungsrat erwartet, dass die föderalistisch-politische ­Dimension höher gewichtet würde.

«Ein herber Verlust»

«Die SRG hat nicht nur Bern, sondern eine ganze Region vor den Kopf gestossen», kommentierte der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) gestern den Entscheid. Und er sehe im Moment noch nichts auf dem Tisch, mit dem die SRG das Vertrauen dieser Region zurückgewinnen könne. «Da muss mehr kommen», das habe er Jean-Michel Cina deutlich zu verstehen gegeben.

Die Stadt Bern hatte der SRG sogar Hilfe bei der Suche nach zentraleren Büros für die Generaldirektion zugesagt. Trotzdem will von Graffenried jetzt nicht von einer Niederlage für den Standort Bern reden. Rein wirtschaftlich falle der Wegzug der 170 Radioarbeitsplätze nicht ins Gewicht.

Aber medienpolitisch sei die Verlagerung des Radiostudios aus dem Politzentrum Bern nach ­Zürich, wo sich neben dem Schweizer Fernsehen bereits die privaten Verlage konzen­trieren, «ein herber Verlust für die Qualität der journalistischen Berichterstattung und für die Gewährleistung von Meinungsvielfalt, und zwar für die ganze Schweiz».

Affront gegen Mitarbeitende

Die vor allem aus SRF-Mitarbeitenden bestehende Gruppe Pro Radiostudio Bern bezeichnet den gestrigen Entscheid als «fatalen Fehler». Besonders enttäuscht ist die Gruppe, dass Management und Verwaltungsrat der SRG das Gespräch über «konstruktive Vorschläge» für den Verbleib des Studios in Bern verweigert hätten. Das sei ein Affront gegenüber allen Mitarbeitenden.

phm/jsz

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