Elfenau

Russische Fürstin wirkte Wunder in Bern

ElfenauDie idyllisch anmutende Elfenau ist für viele ein Kraftort. Geprägt hat ihn eine russische Adelige. Bei den Recherchen für ihren Roman stiess Autorin Therese Bichsel auf einen erstaunlich modernen Stoff mitten im patrizischen Bern.

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Auf der Bank am Teich sitzt eine Spaziergängerin, schmal, weiss gekleidet. Sie blickt aufs Wasser, in dem sich die Wipfel der hohen exotischen Bäume spiegeln. Kein Frosch, kein Wasserläufer bricht das stille Bild, das der Fotograf nun ins Visier nimmt. Klick. Klick. Dabei hat hier einst eine Prinzessin gelebt, die andere verzaubern konnte. Therese Bichsel, die ein Buch über sie geschrieben hat, späht durchs Schilf, zeigt auf die gegenüberliegende Seite ins verwilderte Gebüsch: «Dort befinden sich noch Überreste einer Grotte, die Anna Feodorowna anlegen liess.» Man sieht die Grotte nicht mehr, müsste sie erst freilegen. Klick. Klick. Dafür hat man von hier unten einen schönen Blick auf die Südfassade des Herrenhauses, in dem heute drei private Parteien zur Miete wohnen.

Inspiration am Stadtrand

Jetzt geht die Weissgekleidete lautlos davon auf den gewundenen Wegen, die im Geist der Romantik angelegt wurden. Fast scheint sie zu schweben, elfengleich. Eine Einbildung? Nein, auch Therese Bichsel hat sie verschwinden sehen: «Wir haben sie wohl vertrieben», bedauert sie.

Seit die Autorin aus Unterseen ein paar Tage pro Woche im Berner Kirchenfeld lebt, kommt sie selbst oft in die nahe Elfenau, um die seltsam zeitlose Kulturlandschaft auf sich wirken zu lassen. Sie wusste schon länger, dass in dem schmucken Patrizierhaus einst eine russische Fürstin gelebt hatte, doch es interessierte sie nicht weiter. Bis ihr klar wurde, dass der Park, der ihr so guttat, von ebendieser Adeligen angelegt worden war: Anna Feodorowna, 1811 nach Bern gekommen. Da begann Therese Bichsel zu recherchieren.

Eheliche Hölle

Konstantin Pawlowitsch Romanow hatte einen etwas eigenen Humor. Von Hofdamen, die Tagebuch führten, ist überliefert, dass der Zarensohn seine blutjunge Frau Anna – jene Anna, die später in der Elfenau lebte – zuweilen in eine überdimensionale chinesische Vase steckte, aus der sie ohne Hilfe nicht wieder herauskam. Einmal hatte er die geniale Idee, sich frühmorgens mit einer Reihe Armeetambouren in ihr Schlafgemach zu schleichen und sie mit einem ohrenbetäubenden Trommelwirbel zu wecken.

Manchmal tat ihm sein Verhalten auch leid, und er bat Anna fast unterwürfig um Verzeihung, schenkte ihr etwas oder lud sie auf einen Ausflug ein. Zu jener auf einem Hügel postierten Kanone etwa, die er mit Ratten gefüllt hatte, welche nach dem Salutschuss geplatzt vom Himmel fielen. Unglaublich. «So etwas kann man sich gar nicht ausdenken», kommentiert Therese Bichsel, die sich beim Schreiben des Romans an schriftliche Quellen hielt, die sie in Annas Heimatstadt Coburg oder in der Berner Burgerbibliothek fand.

Überliefert ist auch die «russische Taufe» im Januar 1814 in Bern, als Konstantin seine Soldaten in die eisige Aare hetzte und sich an ihren klappernden Zähnen ergötzte. Den Abstecher vom Kriegspfad gegen die Franzosen nach Bern hatte Konstantin auf Anweisung seiner Mutter, der russischen Kaiserin, gemacht. Er sollte seine getrennt von ihm im Exil lebende Gattin Anna zur Rückkehr überreden. Anna lehnte ab. In der Elfenau hatte sie sich nach langen Jahren und dank einer Berner Liebe von den Schrecken ihrer Ehe erholt.

Aufstieg eines Herzogtums

Anna Feodorowna hiess vor ihrer Heirat Juliane von Sachsen-Coburg und stammte aus einem kleinen deutschen Herzogtum. Als die 14-jährige Prinzessin mit dem aus heutiger Sicht geistesgestörten Zarensohn verheiratet wurde, bewahrte sie ihre Familie damit vor der Verarmung. Mehr noch: Die Geschwister stiegen in der Folge in höchste Kreise auf. «Wäre Leopold ohne diese weit reichenden Beziehungen auf den belgischen Thron gelangt?», lässt Therese Bichsel die älter gewordene Anna rückblickend fragen. «Hätte Victoire einen englischen Prinzen ehelichen können?» Besonders am Herzen lag Anna ihre Nichte Victoria. Es war die spätere Queen Victoria von England, neben dem Zaren die wohl mächtigste Figur im nachnapoleonischen Europa. «Man kann vermuten», fasst Bichsel zusammen, «dass es ohne Annas Heirat an den Zarenhof keine Königin Victoria gegeben hätte.»

Damals und jetzt ein Kulturort

Im Parkcafé der Elfenau ist es ruhig. Nur wenige Gäste haben sich zum Mittagessen vor der Orangerie eingefunden, die Anna Feodorowna errichten liess. Den ebenfalls von der russischen Grossfürstin angelegten Senkrasen davor hat die Stadtgärtnerei mit rot-orange blühenden Begonienrabatten eingefasst. Seit 2009 wird der Elfenaupark bei fälligen Sanierungen wieder kunstvoll aufgrund von Fürstin Annas einstiger Plangrundlage hergerichtet. Sie hat ihre Berner Zuflucht und den Ausblick von der Elfenau über die mäandernde Aare zu den Schneebergen des Oberlandes auch auf Gemälden kunstvoll veredeln lassen. «Sie, über die so grausam bestimmt worden war, hat hier etwas Eigenes geschaffen», so Therese Bichsel.

Brunnaderngut wird Elfenau

Nachdem Anna das Brunnaderngut 1814 vom Berner Patrizier Gottlieb Abraham von Jenner erworben hatte, staffierte sie das für ihre Verhältnisse einfache Wohnhaus mit Fassadenelementen im Empire-Stil aus. Dazu liess sie einen Landschaftspark anlegen – die exotischen Bäume wurden aus den königlichen Kew Gardens, dem Mekka der englischen Gartenkunst, importiert. Noch immer steht an der Ostseite des Hauses der mächtige japanische Schnurbaum, den Anna vor 200 Jahren pflanzen liess. Stahlseile halten seine ausladende Krone zusammen, irgendwann muss er ersetzt werden, laut Stadtgärtnerei historisch korrekt wieder mit einem Schnurbaum.

Auch den Namen des wasserreichen Brunnadernguts hat die deutschstämmige Grossfürstin geändert: 1816 erlaubte Bern ihr, das Anwesen in «Elfenau» umzutaufen. Märchenhaft. Tatsächlich haftet der Geschichte von Anna Feodorowna bis heute etwas Märchenhaftes an. Einen Froschkönig jedenfalls hat sie sich – mit Abstrichen – dann doch noch herbeigeküsst: Aus ihrem Liebhaber Rudolf Schiferli, Arzt und Medizinprofessor in Bern, wurde kraft guter Beziehungen ein von Schiferli, der seiner Herrin als standesgemässer Oberhofmeister ein Leben lang die Treue hielt. Allerdings war der gute Mann schon verheiratet.

Die Patchwork-Familie

Eine Frau, heisst es, sollte ihre Geheimnisse gut hüten – nicht nur, um Skandale zu vermeiden, sondern auch, um interessant zu bleiben. Anna Feodorowna hat beides geschafft. Wer die Väter ihrer illegitimen, heimlich zur Welt gebrachten Kinder sind, ist bis heute nicht restlos geklärt.

Eduard, der Erstgeborene, dürfte laut Therese Bichsel von Haushofmeister Schiferlis Vorgänger stammen. Dem widersprechend legen diverse Quellen nahe, Zar Alexander I., Bruder des grausamen Konstantin und nachweislich verliebt in Anna, als Vater anzunehmen. Dafür würde sprechen, dass Alexander Anna auch nach ihrer Scheidung mit einer grosszügigen monatlichen Apanage finanzierte.

Eduard wurde von Rudolf von Schiferli wie von einem Vater betreut. Er bekam eine gute Ausbildung und wurde später gar geadelt. Als Junge verbrachte er oft die Ferien in der Elfenau, wo seine Mutter – offiziell seine Gönnerin – mit Schiferli, dessen Frau und deren beiden Söhnen in einer Art Patchworkfamilie lebte. Diese Situation mutet überraschend modern an: «Anna Feodorowna erinnert mich an junge Frauen von heute», erklärt Therese Bichsel, «auf sich gestellt mit den Kindern, den richtigen Mann noch nicht gefunden, von Sachzwängen eingeschränkt und doch kämpfend, einen eigenen Weg suchend. Das hat für mich den Ausschlag zum Buch gegeben.»

Hilda, Annas Tochter, stammt mit grösster Wahrscheinlichkeit von Schiferli selbst. Sie wurde zeitlebens von ihren Eltern ferngehalten, damit niemand wegen äusserlicher Ähnlichkeiten auf ihre Herkunft schliessen konnte. Die seltenen Kontakte müssen für beide Seiten schwierig gewesen sein. Anna überlebte ihre Tochter um viele Jahre.

Im Stammbaum des heute mit einer eigenen Website im Internet präsenten Adelsgeschlechts von Sachsen-Coburg und Gotha ist Anna alias Juliane noch immer kinderlos. Und in der sächsischen Ehrenburg in Coburg, wo sie aufwuchs, wird die Erinnerung an sie kaum gepflegt – die Scheidung vom Zarensohn hat sie endgültig zum schwarzen Schaf gemacht.

Sprachrohr der Eidgenossen

Im Rasenrondell vor dem Herrenhaus steht ein Brunnen, den die Grossfürstin errichten liess. Ein grosser Fisch ziert ihn, ein Fisch wie die hochadelige Anna, die den Herren von Bern freiwillig ins Netz ging. Der Berner Feudalstaat hofierte Anna Feodorowna nach Kräften, in der Hoffnung, dass sie die eidgenössischen Anliegen unterstützen würde. Anna wurde zu wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen eingeladen, hatte ein Abonnement im Hôtel de Musique (heutiges Du Théâtre), wohnte 1813 dem Defilee der österreichischen Truppen in Bern bei und war 1817/1818 Ehrengast der eidgenössischen Tagsatzung. Ihren Briefen an Zar Alexander I. ist es zu verdanken, dass dieser sich am Wiener Kongress für die Neutralität der Schweiz einsetzte.

Erst nach Rudolf von Schiferlis Tod 1837 kehrte Anna Feodorowna Bern den Rücken. Zu vieles in der Elfenau habe sie an den verlorenen Mann an ihrer Seite erinnert, meint Therese Bichsel. Anna zog nach Genf, kehrte aber in manchem Sommer und schliesslich todkrank in die Elfenau zurück. Dort starb sie 1860. Begraben wurde sie auf dem Schosshaldenfriedhof, doch den Stein mit der schlichten Aufschrift «Julie-Anne» findet man nicht mehr – das Grab wurde aufgehoben.

Ein Paradies fürs Volk

Der Tod der Fürstin fiel in eine Zeit, in der sich die feudale Ordnung auflöste. Der Elfenaupark war einer der ersten der Schweiz, die dem Volk als Erholungsraum in Stadtnähe zugänglich gemacht wurden. Annas Sohn Eduard, der (natürlich verdeckte) Erbe, verkaufte das Gut 1861 an die Familie von Wattenwyl. 1918 erwarb es die Stadt Bern.

«Nie werde ich die frohen, ganz die Sorgen freyen Tag in diesser anmuthigen Wohnung des Friedens und der Ruhe vergessen», notierte Annas Mutter Auguste über ihren Besuch bei «Julchen». Selbst die hartherzige Matriarchin, die ihre Kinder strategisch so geschickt verheiratet hatte, nahm die besondere Stimmung und Kraft, die der Elfenau innewohnen, wahr. Vielleicht hängt dieser «Elfenau-Geist» mit der Geschichte einer anderen Frau zusammen. 1285 gründete die reiche Mechthild von Seedorf dort, wo heute das Patrizierhaus steht, ein Frauenkloster, drei Jahre später wurde sie von ihrem eigenen Land vertrieben. Wie Anna gab sie nicht auf und fing auf der Aareinsel beim Altenberg neu an. Ob die russische Grossfürstin von ihrer Vorgängerin gewusst hat, ist nicht bekannt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 15.09.2012, 15:34 Uhr

Anna Feodorowna: Bildnis um 1800. (Bild: Buchverlag/zvg)

Buch & Vernissage

Das Buch: Therese Bichsel, «Grossfürstin Anna – Flucht vom Zarenhof in die Berner Elfenau». Zytglogge-Verlag, 300 Seiten, ca. 36 Fr.

Die Buchvernissage: 19.9., 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher Bern. Weitere Lesungen: 3.10., 17 Uhr, Schloss Oberhofen; 26.10., 20.15 Uhr, Stadtkeller Unterseen.

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