Romeo und Julia als Integrationshilfe

Bern

Zum 50-jährige Jubiläum des Schulhauses Schwabgut wird Romeo und Julia aufgeführt. Das Theater ist nicht nur pädagogisch wertvoll, sondern hilft bei der Integration.

«O Romeo, Romeo, weshalb bist du Romeo?»: Eine der Julias übt die Balkonszene.<p class='credit'>(Bild: Beat Mathys)</p>

«O Romeo, Romeo, weshalb bist du Romeo?»: Eine der Julias übt die Balkonszene.

(Bild: Beat Mathys)

«Nenn mich Liebster, und ich bin neu getauft», flüstert Romeo zu seiner Julia. Mucksmäuschenstill sitzen über hundert Kinder um die riesige Bühne und beobachten das Geschehen. Ein Jahr harte Arbeit, 55 Probetage und unzählige Castings stecken hinter dieser Probe. Noch sitzen nicht alle Kostüme, die Capulets und Montagues kichern beim prügeln, und Julias Mutter vergisst einmal ihren Text. «Mein Anspruch ist ein professioneller», meint die Regisseurin Aneke Wehberg Herrmann. Professionell ist auch die Bühne – 30 schwere Scheinwerfer beleuchten die Turnhalle, die mit schwarzen Vorhängen verdunkelt wurde.

Scheue Romeos

«Jeder Profi kann hier etwas lernen», betont auch Lehrer Samuel Schärrer, der 17 Schüler seiner Klasse ins Theater geschleust hat. «Man sieht ihnen beim Spielen den Moment an, wenn ihnen die Welt wegrutscht.» Tatsächlich gehen einige Schüler in ihren Rollen auf, vergessen bei den Liebesszenen sogar die Nervosität der Pubertät. «Die Romeos waren anfangs etwas scheu», lacht Julia-Darstellerin Michela Mastropietro. «Sie hatten Hemmungen, uns zu berühren – aber mittlerweile geht es gut.»

Nebst der grossen Verliebtheit gibt es viele Themen im Theaterstück, welche die Jugendlichen beschäftigen. «Tamilische Kinder kennen oft den Hintergrund der arrangierten Ehe – wir sprachen in der Klasse zudem über Zwangsheirat», sagt Schärrer. Auch das Spiel mit den Grenzen sei bei Jugendlichen aktuell, die sich beispielsweise immer öfters ritzen. Da die Kinder zu 93 Prozent einen Migrationshintergrund haben, treten gewisse Themen wie Rassismus oder Hass verstärkt in den Vordergrund. Das Theaterstück sei deshalb auch als Integrationshilfe gedacht, sagt Schulleiterin Ruth Bielmann.

«Wir haben hier viele Kinder aus sozial schwachen Familien», pflichtet ihr Schärrer bei. Im Theater lernen die Kinder bestimmte Fähigkeiten wie konstruktiv miteinander zu sprechen, zu streiten und zu arbeiten. «Kunst ist hier nicht l’art pour l’art, sondern eine Art Überlebensstrategie», sagt er.

Kultur zur Integration

Unter anderem aus diesem Grund engagiert sich Ruth Bielmann seit 1998 für Kultur an der Schule Schwabgut: Mit Kultur könne man Wege eröffnen, um sich selbst zu reflektieren und Gefühle zu äussern. In den letzten zwölf Jahren habe es aber kein Projekt gegeben, das an dieses herankomme: «Von der Grösse der Produktion und den eingesetzten Mitteln her ist dieses Theater einmalig.» Durch intensives Fundraising habe Bielmann Summen aufgetrieben, von denen «wir nicht einmal zu träumen gewagt hätten», sagt Schärrer. Die professionelle Bühne beeindruckt auch die Jungschauspieler: «Am Anfang haben wir gezweifelt, ob wir so ein grosses Projekt zustande bringen», so Michela Mastropietro.

Keinen Zweifel mehr haben sie am Erfolg des Theaters: Zwei der Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Berner Zeitung

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