Roma klagen über Konflikte mit der Polizei

Nach den Emotionen in Wileroltigen greift die Gesellschaft für bedrohte Völker in die Debatte um den umstrittenen Platz für Fahrende ein. In einer Studie lässt sie Roma sowie Polizisten zu Wort kommen – und fordert mehr Raum.

Polizei und Roma haben – wie hier auf dem Transitplatz bei Bulle – oft miteinander zu tun. Spannungsfrei sind die Begegnungen nicht immer.

Polizei und Roma haben – wie hier auf dem Transitplatz bei Bulle – oft miteinander zu tun. Spannungsfrei sind die Begegnungen nicht immer. Bild: Christian Pfander

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Es ist still geworden um Wileroltigen, seit die Roma-Gruppen im August die Matte am Autobahnrastplatz verlassen haben. Nur noch einmal kochten die Emotionen im 380-Seelen-Dorf bei Kerzers, das zuvor fast täglich für Schlagzeilen gesorgt hatte, richtig hoch: Als zwei Wochen später die Nachricht die Runde machte, eine weitere Schar ausländischer Fahrender sei in Richtung Wileroltigen un­ter­wegs, waren die Ängste wieder da.

Die Ängste davor, dass die Gäste die Matte einfach wieder in Beschlag nähmen – und dann die Streitereien um Abfälle und Fäkalien unter freiem Himmel, um vereinbarte und nicht eingehaltene Abreisetermine von neuem losgehen würden.

Die Roma kamen doch nicht, und so blieb es ruhig. Zumindest vordergründig, denn hinter den Kulissen wird weiter diskutiert. So verfolgt der Kanton nach wie vor sein Ziel, auf der Matte einen definitiven Transitplatz umzubauen. Gleichzeitig setzt in Wileroltigen ein Bürgerkomitee alles daran, dass genau dies nicht geschieht (siehe Kasten). Nun schaltet sich die Gesellschaft für bedrohte Völker in die Debatte ein: Sie hat das Verhältnis der ausländischen Fahrenden zu den Ansässigen un­ter­sucht und stellt die Resultate nun vor.

Nicht nur Polizeiaufgaben

In der Studie kommen Leute zu Wort, zu denen die Öffentlichkeit sonst keinen direkten Zugang hat. Im Besonderen gilt dies für fünf Polizisten aus den Kantonen Bern, Aargau, Zürich und Thurgau. Das sind zwar nicht sehr viele. Ihre Stimmen lassen trotzdem erahnen, was sie im Alltag erleben – immerhin sind sie es, die ­jeweils sofort alarmiert werden, wenn Fahrende auftauchen. Und dann teils täglich, teils auch etwas weniger häufig auf den Plätzen auftauchen.

Dabei nehmen sie nicht nur typisch polizeiliche Aufgaben wahr. «Wir achten zum Beispiel auch auf die Wasserversorgung, also darauf, ob genügend Wasser vorhanden ist oder ob die hygienischen Verhältnisse, zum Beispiel die Toiletten, stimmen», lässt sich einer zitieren.

Neben den Abfällen und den Fäkalien machen die Befragten weitere Problemkreise im Zusammenleben mit den Einheimischen aus. Handwerkliches Ar­beiten ohne Schutz­massnah­men für die Umwelt führe genauso zu Spannungen wie aufdringliches Hau­sieren, stellen sie fest.

Ihr eigenes Verhältnis zu den Roma sehen die Polizisten unbelastet. Dass sie sich dabei möglichst an die althergebrachten Familienstrukturen halten und mit dem Ältesten der Sippe verhandeln, erweist sich dabei als hilfreich. Schwierig kann es dagegen werden, wenn es eine Forderung oder das Gesetz durchzusetzen gilt: Dann kann die Stimmung kippen, aggressiv werden.

«Die Polizisten kommen viel zu oft, darf es gar  nicht zählen,  sonst brauche ich nächstes Jahr  einen ­Psychiater.»Zitat eines Rom

Von der anderen Seite, wo die Basis der Befragten mit 29 Roma etwas breiter ist, tönt es ähnlich zurück. Der Bericht macht im Verhältnis zur Polizei «ein grosses Konfliktpotenzial» aus. Man sei sich zwar bewusst, dass die Beamten zwischen den Fronten stünden, und es komme auch immer wieder zu positiven Begeg­nungen. Allerdings seien die eher die Ausnahme – und klar: Sobald die Polizisten respektlos aufträten, bringe man «im Gegenzug auch keinen Respekt mehr auf».

Spannungen mit Jenischen

Ein zentrales Thema ist die Häufigkeit, mit der die Beamten auftauchen. So klagen die Roma ­darüber, dass sie in keinem anderen Land so oft kontrolliert werden wie in der Schweiz. Details sind aus den Befragten aber kaum herauszubekommen. «Die kommen viel zu oft, darf es gar nicht zählen, sonst brauche ich nächstes Jahr einen Psychiater», stellt einer fest. Und ein anderer: «Wo soll ich anfangen? Besser lassen wir das.»

Kritisiert wird allenthalben, dass die Schweiz für die Roma aktuell nur vier Transitplätze für alles in allem 110 Fahrzeuge bereithält. In der jüngeren Vergangenheit habe sich die Situation insofern verschärft, als immer mehr Plätze nur noch den Jenischen aus der Schweiz vorbehalten ­seien.

So sei man regelmässig gezwungen, spontan auf einer Matte anzuhalten, was zu den bekannten Konflikten mit den Ansässigen führe. In dieser Konkur­renzs­ituation habe auch das Ver­hältnis zu den Jenischen gelitten: «Seit ein bis zwei Jahren sind die Schweizer Fahrenden sehr rassistisch geworden – wo wir doch zuvor immer gemeinsam auf denselben Plätzen waren.»

Gute Verdienstmöglichkeiten

Die Studie rät eindringlich, mehr Plätze für die ausländischen Fahrenden zu schaffen. Als grosses Vorbild nennt sie Frankreich, wo jeder Ort ab 5000 Einwohnern zum Bau einer Haltemöglichkeit gesetzlich verpflichtet ist. Als ­geradezu vorbildlich gilt – bei übrigens moderaten Tarifen – die dortige Infrastruktur. Entsprechend seien die hiesigen Plätze so einzurichten, dass die Roma «gemäss den Schweizer Standards» arbeiten könnten.

Offen redet der Bericht davon, dass die Roma regelmässig Diskriminierung, ja Rassismus erlebten. Dass sie dennoch Sommer für Sommer aus dem Ausland einreisen, führt er darauf zurück, dass die Verdienstmöglichkeiten nach wie vor gut sind. Mit Sorge erinnert er gleichzeitig an die Bestrebungen, die Roma stärker in die Pflicht zu nehmen. Bei Verstössen gegen die öffentliche Ordnung soll in Zukunft der Entzug der Arbeitsbewilligung möglich sein – darauf, so fordert er, sei zu verzichten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.10.2017, 09:27 Uhr

Projekt Wileroltigen

«Wir stehen Gewehr bei Fuss»: Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) macht klar, dass der Transitplatz für ausländische Fahrende bei Wileroltigen für den Kanton Bern nach wie vor ein Thema ist. Trotz des Widerstands aus der Gemeinde selber – wobei Neuhaus einschränkt: Ob überhaupt und wenn ja, wie genau es mit dem Projekt weitergehe, hänge nun vom Grossen Rat ab.

Neuhaus erinnert an zwei Vorstösse aus den Reihen von BDP und SVP, die für die Novembersession traktandiert sind. Sie verlangen einen Marschhalt, fordern den Kanton weiter dazu auf, nicht mehr am eigenen Transitplatz zu planen, sondern die Lösung auf Bundesebene zu suchen. Weil Bern, so die SVP mit leicht süffisantem Unterton, ja nicht immer den Musterknaben spielen müsse.

Das Bürgerkomitee, das den Transitplatz in Wileroltigen mit allen Mitteln verhindern will, setzt derweil seine Hoffnungen ganz auf die beiden ­Vorstösse. «Unser höchstes Ziel ist ein Ja», sagt Armin Mürner, der Präsident. Und ergänzt zum wiederholten Mal, dass ein so kleines Dorf mit einer so grossen Last, wie sie ein Transitplatz darstelle, überfordert sei.

Vor diesem Hintergrund geniesst es die Gemeinde, dass der Druck von aussen weg ist und die Schlagzeilen verschwunden sind. Insider gehen trotzdem davon aus, dass die Anwesenheit der Fahrenden Spuren hinterlassen hat. Weil die einen voll und ganz gegen die Anwesenheit der Gäste waren, die anderen dagegen etwas weniger und die dritten vielleicht gar nicht – in den nächsten Monaten wird es deshalb im Dorf wohl noch das eine oder andere aufzuarbeiten geben. skk

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