Rolf mag Lambretta und Ernst steigt sogar im Traum nicht ab

Lyss

Alte Motorräder knatterten am Sonntag durch Lyss, 10'000 Zuschauer kamen zum Umzug. Wir stellen fünf Oldtimer-Freaks und ihre Motorräder vor.

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In Lyss lagen die Perlen am Wochenende auf der Strasse. Besser gesagt: Sie standen. In Reih und Glied, bereit, bewundert zu werden, Perlen für Motorradfans. Töff um Töff knatterte dann am Sonntag durch die Strassen. 300 Motorräder wurden am Umzug vorgeführt, alle gebaut zwischen 1898 und den 1980er-Jahren – alte Lederkombis, Benzingeruch, dazu Schriftzüge von Harley Davidson, Moto-Guzzi und BMW. Anlass für den Umzug war das 100-Jahr-Jubiläum der Föderation der Motorradfahrer der Schweiz (FMS), die rund 7000 Mitglieder zählt. Etwa 10'000 Zuschauer standen am Strassenrand.

Fünf Oldtimerfreaks haben wir rausgepickt und uns von ihnen ihre Maschinen erklären lassen. Dabei haben wir unter anderem erfahren, wie der erste Töff funktionierte.

André Zwicky, 63, Savièse: Seine Frau fährt nicht gern mit

André Zwicky hat auf den ersten Blick das perfekte Gefährt, um seine Frau auszufahren: ein Quadricycle, Jahrgang 1897, mit gepolstertem, rotem Sitz vor dem Lenker. Seine Frau könne die Fahrt aber kaum geniessen, sagt der 63-Jährige aus Savièse im Wallis. Der Sitz ist vor der Lenkachse, darum sehe es vorne aus, als würde man immer geradeaus fahren.

Das macht Angst. Ohnehin fährt Zwicky nur selten aus. Er sei ein Grüner, sagt er, und habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn er nur zum Spass Motorrad fahre. Was ihn fasziniere, sei die Technik. Als er das Quadricycle kaufte, fehlte allerhand: Lenker, Kette, Getriebe, Tank. Wochenlang sei er in der Werkstatt gestanden, sagt André Zwicky, «statt vor dem Fernseher zu sitzen.»

Rolf Winistörfer, 58, Kriegstetten: Bei ihm ist alles Lambretta

Seine erste Lambretta kaufte Rolf Winistörfer 1974, zusammen mit einem Töffli und einem Solex. 80 Franken kostete alles. «Irgendwie haben mich die Lambrettas dann gepackt», sagt der 58-Jährige aus Kriegstetten. Bald wurden es zwei, drei, unterdessen stehen vier Lambrettas in Winistörfers Garage.

Nach Lyss mitgebracht hat er seine Lambretta LC 125, Baujahr 1951. Schön habe sie nicht ausgesehen, als er sie am Oldtimermarkt Burgdorf gekauft habe, erzählt Winistörfer. Er hat sie restaurieren lassen. Um Ersatzteile zu finden, fährt er jeweils nach Italien, an einen grossen «Grümpelmarkt». «Ich lebe mein Hobby», sagt Winistörfer, der Mitglied eines Lambretta-Clubs ist. «Wenn das Wetter stimmt, fahre ich jede freie Minute.»

Ernst Oberli, 69, Brügg: Als Verdingbub musste er unten durch, jetzt sitzt er oben

«Chly en verrockte Cheib» sei er, sagt Ernst Oberli. Verrückt nach Hochrädern. «Als Verdingbub musste ich untendurch, jetzt kann ich über die Menschen hinwegsehen.» Dieses Fieber bringe man nicht weg, sogar im Traum sitze er da oben. Beginnt Oberli zu erzählen, kann er kaum mehr stoppen. Er erzählt, dass das Hochrad der Vorgänger des Motorrads ist.

Beim Pionier war das grosse Rad hinten, das kleine vorne. Auf dem Rahmen war eine Dampfmaschine montiert, der Fahrer musste einfeuern. «Es wäre mein grosser Wunsch, einmal ein solches Modell zu fahren», sagt Oberli. Aber das finde man nicht mehr. Darum bleibt Oberli beim Hochrad ohne Motor. Seit er 60 Jahre alt ist, macht er Akrobatik. Nun plant er eine Tour quer durch die Schweiz.

Fritz Tellenbach, 62, Brügg: Töff mit Gewehr

Fritz Tellenbach ist ein Blickfang. Der Mann mit Schnauz trägt Uniform und Helm, würde perfekt in einen Geschichtsfilm passen, genau wie sein militärgrüner Seitenwagen-Töff. «Ein echtes Schweizer Produkt», sagt der 62-Jährige aus Brügg.

Ein Universal, gebaut in Oberrieden, 1947. Nur 400 Stück gab es davon, erstellt für die Armee. Mit den Motorrädern habe man zum Beispiel Munitionskisten transportiert, erklärt Tellenbach, auf dem Seitenwagen sei ein Maschinengewehr montiert gewesen, drei Mann Besatzung. Auch in Lyss hat Tellenbach ein Gewehr dabei. Auf die Frage, ob er für seinen Töff einen Waffenschein brauche, lacht er nur. «Da müssen Sie jemand anderes fragen.» Das Gewehr gehöre ihm. Ob er es dabei haben darf, weiss er nicht.

Kurt Brügger, 60, Pfäffikon: Das war mal eine Ruine

Sie glänzt, die alte DKW von Kurt Brügger aus Pfäffikon. Der schwarze Lack schimmert in der Sonne, der Besitzer sitzt stolz auf dem Sattel. Ein Vorkriegsmodell fährt er, Jahrgang 1936. Brügger gehört zum Verein «Freunde alter Motorräder», der heuer 40-jährig wird.

In seiner DKW steckt viel Arbeit. «Das war eine Ruine, als wir sie gekauft haben», sagt Brügger. Der Seitenwagen zum Beispiel bestand «aus zwei Stecken, sonst nichts». Man habe alles auseinandergenommen, sandgestrahlt, gespritzt und wieder zusammengebaut. Viereinhalb Jahre brauchte es, bis sein Motorrad aussah, wie es heute aussieht. Die DKW ist strassentauglich, aber sie sei kein Sprinter, «sondern ein Cruiser, wie man heute sagt». Perfekt also für eine Ausfahrt mit Freunden.

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