Rebellen mit Gel, Zigis und tiefen Gagen

Konolfingen

Rock’n’Roll und Beat ist nicht alt: Vier junge Konolfinger leben die Musik der 60er-Jahre, von Lederschuh bis Elvis-Frisur.

Die Rockin' Beats spielen ihren Song «Honey Baby».
Dominik Galliker@DominikGalliker

Die Familie Hofer hat eine Zeitmaschine im Keller. Wer den winzigen Bandraum der Rockin’ Beats betritt, fühlt sich zurückversetzt in die Zeit der Beatles und der Rolling Stones. Die Gitarrenmodelle, die Verstärker, die Mikrofone, ja gar die Kabel – alles hier ist aus den 60er-Jahren. Ausser einem: der Band. Die ist aus den 90ern.

Ein Knacken aus den Boxen, der Verstärker summt. «Bereit?» David Hofer zählt an: «A one, a two, a one, two, three, four.» Schlagzeug. Bass. Die Gitarre setzt ein, die Melodie reisst mit: Der Song «All my Loving» der Beatles füllt den Raum. David Hofer steht nicht wie Paul McCartney vor tausenden kreischenden Girls, trotzdem gibt er sich voll in den Song hinein. Der 19-Jährige steht locker am Retro-Mikrofon, die Augen geschlossen, Lederjacke, die Haare nach hinten gegelt.

Rock’n’Roll sei für ihn eine Lebenseinstellung, sagt David Hofer. Eine Rebellion «gegen die Bünzli-Schweizer und die Reichen, ohne dass man sich beim WEF verhaften lassen muss.»

Audio - David Hofer: «Wir leben den Rock'n'Roll»

Achtung Nachbar

Musik, Musik, Musik, Musik, essen, schlafen und zwischendurch «bügle» – etwa so setze er die Prioritäten, sagt David Hofer. Drei Mal pro Woche proben die Brüder Stefan (21) und David Hofer (19), Marc Landolf (19) und Matteo Valentino (17) im Keller der Familie Hofer. 65 Stücke hat die Band drauf, knapp die Hälfte selbst geschrieben, der Rest Covers von den Rolling Stones bis zu Jimi Hendrix. Um 22 Uhr ist Schluss mit proben. «Sonst kommt der Nachbar wieder angerannt», sagt David Hofer.

Audio - Die Anfänge der Band

Die Wochenenden der vier Jungmusiker sind meist ausgebucht mit Auftritten. Die vier haben sich einen Namen gemacht, auch dank ihrem Mentor: Biagio Valentino, der Vater von Schlagzeuger Matteo und Gitarrenlehrer der anderen. Er hat die Band zusammengebracht und unterstützt sie, wenns ums Geschäftliche geht. So kommen die vier Konolfinger nicht nur zu Auftritten in der ganzen Schweiz, sondern auch im Ausland: An diesem Wochenende reisen die Rockin’ Beats bereits zum dritten mal nach Deutschland, spielen in Frankfurter Kneipen. Pikantes Detail: Kaum über die Grenze werde Schlagzeuger Matteo Valentino vom 17- zum 18-Jährigen, sagt David Hofer. «Sonst käme er gar nicht in die Clubs rein, in denen wir spielen.»

Er eifert den Beatles nach

Hannover, Hebst 2012. Der Song «Oh Carol» hallt durch den Raum, ein paar Männer nippen an ihren Bierhumpen, einige Gäste tanzen. Auf der Bühne stehen vier Konolfinger Jungs mit Lederjacken, Sonnenbrillen und Geltollen. Sie stehen in jenem friedlichen Club im Rotlicht-Viertel Steintor auf der Bühne, zwischen einem Bordell und einer heruntergekommenen Kneipe. Fünf Stunden spielen die Rockin’ Beats, zwei Mal fünf Minuten Pause, ihren Durst ignorieren sie. Gage: 800 Euro. Etwa so sei es bei ihrem letzen Aufenthalt in Deutschland zugegeangen, sagt David Hofer. Nicht vom Hallenstadion, nicht von riesigen Open-Air-Bühnen träumt der 19-Jährige, nein. Er will einmal im Club «Indra» im Hamburger Stadtteil St. Pauli spielen. In dieser Beiz waren die Beatles damals am 17. August 1960 zum ersten Mal aufgetreten. «Kleine Lokale mit guter Stimmung reizen uns», sagt Hofer. «Es ist schwieriger, fünf biertrinkende Herren zu begeistern als eine Halle mit 1000 Fans.»

«Wer Rock’n’Roll für alt hält, ist selber nicht modern», sagt Hofer. Das Publikum sei gemischt. Die älteren stünden eher hinten, die jungen vorne an der Bühne. Na gut, die jungen Frauen würden an den Konzerten nicht mehr reihenweise in Ohnmacht fallen. Und auch Liebesbriefe fliegen nicht mehr auf die Bühne. «Dafür musste ich den Chat auf Facebook ausschalten, weil ich zu oft angeschrieben wurde», sagt David Hofer. Eins ist sicher: Das hätte John Lennon nie von sich behaupten können.

Berner Zeitung

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