Rauchzeichen eines Feuerteufels

Der Berner Performer und Politaktivist Johannes Lortz ist auch ein eigenwilliger bildender Künstler. Jetzt zeigt der 34-Jährige seine erste Einzelausstellung in der Galerie Artundweise.

Feuer und Flamme: Johannes Lortz brennt für Literatur und Politik im Allgemeinen und für Marguerite Duras im Besonderen.

Feuer und Flamme: Johannes Lortz brennt für Literatur und Politik im Allgemeinen und für Marguerite Duras im Besonderen.

(Bild: Iris Andermatt)

Helen Lagger@FuxHelen

Johannes Lortz schreibt regelmässig Leserbriefe an die Berner Zeitung. Er rechtfertigt Berns Sprayer, verteidigt junge Museumsdirektoren oder geisselt vehement den Kapitalismus. Der 34-Jährige ist ein auf Berns Strassen viel gesehener Flaneur sowie ein leidenschaftlicher Performer und Politaktivist. Vor zwei Jahren kam es im Kunstmuseum zu einem Handgemenge – Lortz hatte gegen die Ausstellung «Industrious» demonstriert, die von der umstrittenen Firma Holcim gesponsert war. Als Lortz auf einen Sockel «Asbest Bodies» schreiben wollte, wurde er vom Sicherheitsdienst aus dem Museum geleitet.

Ein anderes Mal störte Lortz lediglich mit einer Strumpfhose bekleidet und mit einer Krone bewaffnet eine Veranstaltung mit Kunstguru Hans Ullrich Obrist. Der Organisator Christian Herren hatte sich laut Lortz in Bern wie ein König benommen. Wer mit dem Aktivisten persönlich spricht, lernt eine andere Seite kennen. Der «Störer» ist eigentlich immer gut gelaunt und redet am liebsten über Kunst und Literatur.

Nun präsentiert die Galerie Artundweise mit «Rhizom und Raster» seine erste Einzelausstellung. An der Wand hängen Bilder von bereits verstorbenen Ikonen: Porträts von Lou Reed, Anais Nin, Rosa Luxemburg und gleich mehrfach Marguerite Duras hat Lortz in mit Klebestreifen entwickelte Raster gepresst. Den Pinsel hat Lortz gegen ein Feuerzeug getauscht, denn er «malt» nicht mit Farbe, sondern mit Russ.

«Ich lasse verstorbene Persönlichkeiten, die mich faszinieren, wiederauferstehen – ein wenig wie Phönix aus der Asche.» Die einzelnen Bilder nehmen aufeinander Bezug. Frankenstein  – einer der wenigen fiktiven Charaktere – hängt nicht zufällig über Rosa Luxemburg. Beide hängen mit dem Klassenkampf zusammen. Das Monster von Mary Shelley gilt als Sinnbild für einen sich verselbstständigenden Raubtierkapitalismus, den Rosa Luxemburg bekämpfte.

Grüsse aus der Gruft

Lortz selbst klingt manchmal wie Rudi Dutschke und nicht wie ein Kind seiner Zeit. Die Siebziger kennt er, als wäre er live dabei gewesen: Die Revolution habe mit Rockmusik begonnen. Um diese Idee zu versinnbildlichen, hängt Patty Smith in seinem Bilderreigen über der Verhaftung des Terroristen Holger Meins. Lortz ist ein Vielleser und Zitierer.

Seine gut besuchte Ausstellung eröffnete er mit einer Performance. Die Schauspielerin Hanna Röhrich rezitierte aus «Die Krankheit Tod», einem Text von Marguerite Duras. Lortz selbst gab – hinter einem Papierbogen, auf dem er das Antlitz der jungen Duras aufgemalt hatte, versteckt – Rauchzeichen aus der Gruft. Eine Hommage an eine Autorin, die man nie ohne Zigarette sah.

Berner Zeitung

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