Strafe für den «Pastor», Schelte für die Staatsanwältin

Rüschegg/Bern

Der als «Pilz-Pastor» von Rüschegg bekannte David Schlesinger wurde am Mittwoch zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt. Ebenfalls im Fokus der Verhandlung: Staatsanwältin Cornelia Spicher.

Verurteilter David Schlesinger: Für den Schuldspruch hat er kein Verständnis, er sieht sich aber nicht als Justizopfer.

Verurteilter David Schlesinger: Für den Schuldspruch hat er kein Verständnis, er sieht sich aber nicht als Justizopfer.

(Bild: Beat Mathys)

Johannes Reichen

Einen ganzen Schrank mit Dutzenden dicker Bundesordner schleppt Staatsanwältin Cornelia Spicher vor Prozessbeginn über die Türschwelle in den Gerichtssaal. Allein schafft sie das allerdings nicht, der Schrank ist viel zu schwer. Und doch ist diese Bürde nichts im Vergleich zu dem, was Spicher später noch ertragen muss: einen erbarmungslosen Angriff mit Vorwürfen und Belehrungen, eine fast endlose Standpauke, wie sie in Berner Gerichtssälen kaum je vorkommt.

Vorgetragen wird das Donnerwetter von den Zürcher Anwälten Bernard Rambert und Kurt Mäder, die den deutschen Ange­klagten David Schlesinger ver­treten. Sie kritisieren die monatelange Untersuchungshaft, die jahrelangen Ermittlungen. Spicher wird in ihrem Stuhl immer kleiner und wagt keine Widerrede mehr. Am Ende geht sie zwar doch noch als Siegerin aus dem Saal. Aber ob sie darüber Freude empfindet?

Das Regionalgericht Bern-Mittelland verurteilt Schlesinger zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Für Gerichtspräsidentin Christine Schaer steht fest, dass er von 2004 bis 2006 mit psilocybinhaltigen Pilzen gehandelt hat. Damit habe er gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen. Ein Freispruch erfolgt bei Deals ausserhalb der Schweiz und Deutschlands wegen unsicherer Rechtslage.

Pächter in Rüschegg

Schlesinger zog Ende 2005 als Pächter ins Hotel Eywald in Rüschegg ein. Statt Schnitzel und Pommes servierte er «makro­biotisch-alchemistische» Küche, Gäste erhielten Therapien gegen «zivilisationsbedingtes Unwohlsein». Und der heute 48-Jährige amtete als Guru eines seltsamen Kults: Er war Gründer und ­«Pastor» der «Sacred Mushroom Church of Switzerland», der «Kirche der heiligen Pilze».

Nach einem halben Jahr ging seine Zeit in Rüschegg bereits zu Ende: Am 8. Juni 2006 wurde er verhaftet, zum Verhängnis wurden ihm die Zauberpilze. Die Ermittlungen zogen sich allerdings dahin, 429 Tage verbrachte Schlesinger in Untersuchungshaft. Bis zum Prozess dauerte es nochmals zehn Jahre. Am Mittwoch wars so weit.

Spenden und Partys

Spicher wirft Schlesinger gewerbsmässigen Handel mit psilocybinhaltigen Pilzen (siehe Kasten) vor. Zuerst von Freienbach im Kanton Schwyz, dann von Rüschegg aus habe er Pilze an die Anhänger seiner Kirche als «heiliges Sakrament» verkauft. Es sei ihm aber nicht um seine Religion, sondern ums Geld gegangen.

Die 126-seitige Anklageschrift zählt eine Vielzahl von Zahlungen an Schlesinger auf. Mal erhält er 20 oder 30 Euro, mal 500 oder 3000 Euro. Der Mitgliederbeitrag bei der Kirche beträgt 120 Franken. Mindestens 23 Kilo frische und 60 Kilo getrocknete Pilze habe er in die Schweiz und andere europäische Länder verschickt, zudem habe er Pilze und Zuchtmaterial aus dem Ausland bestellt.

Aber auch an Partys habe er Pilze an Restaurant- und Hotelgäste verteilt. «Den Erlös von mindestens 350 000 Franken hat er für den Lebensunterhalt und den ­Betrieb des Hotels verwendet.» Spicher fordert eine bedingte 24-monatige Freiheitsstrafe.

In dieses Strafmass rechnet sie die langen Ermittlungen ein. «Der Fall ist bedauerlicherweise viel zu lange liegen geblieben», sagt sie, das «Beschleunigungs­gebot» sei verletzt worden.

Harsche Kritik

Den Verteidigern genügt das Eingeständnis nicht. Für das lange Verfahren habe Schlesinger eine Entschuldigung verdient, sagt Rambert. Für ihn ist auch klar, dass sein Mandant unschuldig ist und deshalb eine Einstellung des Verfahrens respektive ein Freispruch erfolgen müsste.

Die Anklage könne weder eine Mindest- noch eine Höchstmenge an Pilzen angeben. «Wir wissen ja nicht genau, welche Pilze er verschickt hat.» Ausserdem sei damals Holland die Drehscheibe für die dort legalen Zauberpilze gewesen. Schlesinger sei unzählige Male dorthin gereist und habe den Handel von dort aus getätigt.

Für die Verteidigung ist es ein Skandal, dass es überhaupt zum Prozess kam. Anwalt Mäder verweist auf die Schwyzer Behörden, welche das Verfahren eingestellt hatten. Der Berner Justiz attestiert er hingegen eine «eklatante Hasenschissigkeit». Dabei möchten sich die Anwälte gar nicht aufregen. Doch als die Staatsanwältin erklärt, die Verteidigung habe bei den Einvernahmen der Pilzkäufer «aus finanziellen Gründen» nicht beiwohnen können, bleibt Rambert «die Spucke weg». Kaum ist das Urteil gesprochen, kündet er Berufung an.

Und David Schlesinger? Fühlt er sich als Opfer der bernischen Justiz? «Ich habe provoziert, deshalb bin ich kein Opfer.» Enttäuscht sei er aber von seinen Anhängern, die die Bussen allesamt akzeptiert hätten. Er sei der Einzige, der für die Sache gekämpft habe. «Vielleicht war ich aber auch einfach zu wenig Guru.»

Nun lebt er mit seiner Familie auf Gran Canaria, mehr schlecht als recht, er hofft, dass er mit portablen Windenergieanlagen Erfolg hat. Mit Zauberpilzen hat der «Pilz-Pastor» heute nichts mehr zu tun. «Ausser vielleicht zweimal im Jahr.»

Berner Zeitung

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