Demente Bewohner im Bethlehemacker unternehmen fiktive Zugfahrt

Bern

Das Domicil Bethlehemacker geht neue Wege in der Betreuung von dementen Menschen. Wenn der Verstand nicht mehr funktioniert, die Gefühle aber noch da sind, erhalten Farben, Musik oder Klänge eine ganz andere Bedeutung.

Zwei alte Menschen sitzen in einem 1.-Klasse-Zugabteil und schauen aus dem Fenster. Die Landschaft fliegt vorbei. Die Fahrt geht von Bern nach Brig. Es liegt Schnee. Schnee? Die Zuschauer dieser Szene wissen, dass da etwas nicht stimmen kann. Es ist der 19.Juni und das Thermometer zeigt knapp 30 Grad. Wir sind nicht wirklich im Zug Richtung Wallis unterwegs, sondern befinden uns im Domicil Bethlehemacker im Westen der Stadt Bern.

71 Menschen mit einer mittleren bis schweren Demenzerkrankung leben hier. Ihre Zimmer und Aufenthaltsräume wurden nach den neusten Erkenntnissen der Forschung umgestaltet und das Konzept gestern den Medien präsentiert. Dazu gehört das nachgebaute Zugabteil der BLS, in dem in Endlosschleife ein Film die Fahrt von Bern nach Brig zeigt. Im Winter. Der Sommerfilm ist in Auftrag gegeben.

Wenn nur noch die Gefühle geblieben sind

Das Bild kann Aussenstehende irritieren, wie Edgar Studer, Leiter des Domicil Bethlehemacker, weiss. «Betrügen wir die dementen Menschen?», diese Frage müsse man sich stellen. Die beiden «Passagiere» geniessen aber offensichtlich ihre «Fahrt». Man versuche, demente Menschen dort abzuholen, wo man sie noch abholen könne, sagt der Heimleiter. «Der Verstand funktioniert nicht mehr, aber die Gefühle sind noch da.» Farben, Musik, Stoffe, Klänge, das alles erhalte eine viel wichtigere Bedeutung für Menschen mit Demenz. Wer die meiste Zeit des Tages im Bett verbringen muss, findet im Pflegezimmer wenigstens Ablenkung für seine Augen. An der Decke bilden Dutzende Lämpchen einen Sternenhimmel, eine Discokugel lässt Lichter über die Wände tanzen. Klassische Musik soll für eine zusätzliche Beruhigung sorgen. Und es scheint zu funktionieren. Seit dem Einzug im Mai haben die Pflegenden festgestellt, dass die Bewohnerinnen und Bewohner ausgeglichener und ruhiger geworden sind.

Treibende Kraft hinter dem neuen Demenzkonzept ist Direktor Heinz Hänni. Er hat sich gemeinsam mit Mitarbeitenden zahlreiche Einrichtungen für Demenzkranke im In- und Ausland angesehen. Gewisse Einrichtungen gibt es auch in anderen Häusern, einige sind Berner Erfindungen.

Das Ziel: In Würde leben mit Demenz

«Wir müssen heute Lösungen finden, wie wir demenzkranke Menschen, deren Zahl stark steigt, in den kommenden Jahren betreuen wollen und können», sagt Hänni. Die Domicil AG fasse deshalb ihre verschiedenen Angebote an diversen Standorten zu einem «Kompetenzzentrum Demenz» zusammen. Am 1.Juli wird das Demenzzentrum Oberried in die Domicil-Gruppe integriert. Die Einrichtung bei Belp war 1990 das erste Demenzzentrum im Kanton Bern.

Die Domicil AG ist nicht die einzige Altersinstitution, welche versucht, in der Betreuung von Demenzkranken neue Wege zu gehen. Im niederländischen Hogewey wurde ein Dorf für Demenzkranke gebaut. Nach seinem Vorbild ist in Wiedlisbach eine ähnliche Einrichtung geplant. «Alle Institutionen verfolgen das gleiche Ziel: Menschen mit Demenz sollen in Würde leben können», sagt Heinz Hänni. Mit der Zusammenarbeit diverser Partner sollen schliesslich nicht zuletzt auch die Kosten tragbar bleiben. Die Zugpassagiere im Bethlehemacker geniessen noch immer ihre Reise. «Adieu! Gute Fahrt weiterhin», wünscht der Heimleiter. Der Mann und die Frau winken.

Berner Zeitung

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