Partizipationsmotion: Ein schwieriges Wort

Nur wenige Migrantinnen und Migranten können das Wort Partizipationsmotion aussprechen. Noch weniger wissen, welche Möglichkeit sich dahinter ­verbirgt. Diese wurde den Anwohnern des Berner Westens nähergebracht.

In mehreren Sprachgruppen diskutieren die Teilnehmenden während des Anlasses Mikrofon Bern-West mögliche Themen für eine Motion.

In mehreren Sprachgruppen diskutieren die Teilnehmenden während des Anlasses Mikrofon Bern-West mögliche Themen für eine Motion.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Sheila Matti

Hatice und Fatima verbindet viel: Beide wohnen im Westen Berns, beide kommen ursprünglich aus der Türkei, beide besitzen keinen Schweizer Pass. Und beide haben dasselbe Problem: Sie können sich die Aufgabenhilfe für ihre Kinder nicht leisten. Deshalb entschliessen sich die Frauen dazu, gemeinsam eine Partizipationsmotion einzureichen.

Hatice und Fatima existieren nicht wirklich – sie sind nur fiktive Figuren in einem Theaterstück, das während des diesjährigen Mikrofons Bern-West aufgeführt wird und den Anwesenden die Partizipationsmotion näherbringen soll (siehe Kasten). Die Diskussionen während des Anlasses zeigen aber: Das Anliegen von Hatice und Fatima ist real.

Mehrere Anwesende des Forums beklagen sich über zu teure Angebote. Eine Frau etwa erzählt, dass sie zwar gern und viel arbeite, Ende Monat aber jeweils nur 130 Franken übrig blieben – der restliche Lohn gehe an die Kita, die Aufgabenhilfe oder den Deutschkurs.

Ein städtisches Thema

Seit fast einem Jahr gibt die Partizipationsmotion den Migrantinnen und Migranten der Stadt Bern die Möglichkeit, ihre Anliegen direkt bei der Stadt zu deponieren. Bisher wurde aber noch keine beim Ratssekretariat eingereicht. Das Problem: Viele Migrantinnen und Migranten wissen überhaupt nicht, dass es die Partizipationsmotion gibt.

So ergeht es auch den Teilnehmenden des diesjährigen Mikrofons Bern-West: Die meisten können das Wort Partizipationsmotion gar nicht aussprechen und verwenden deshalb den Terminus «das schwierige Wort». Dennoch ist die Freude gross darüber, dass die Stadt Menschen ohne Staatsbürgerschaft erlaubt, sich politisch zu beteiligen.

Besonders begrüsst wird, dass Vertreter des Stadtrats am Mikrofon teilnehmen: Christa Ammann (AL), Timur Akçasayar (SP) und Regula Bühlmann (GB) tingeln von Runde zu Runde und beantworten Fragen zur Motion. Die auffälligste Schwierigkeit liegt bei der Definition eines städtischen Themas: Akçasayar muss einer Migrantin etwa erklären, dass der Waffenhandel der Schweiz zwar bedauernswert sei, aber nicht in der Zuständigkeit der Stadt liege. Haben sie diesen Unterschied erst einmal begriffen, finden die Migrantinnen und Migranten schnell Ideen für städtische Motionen.

Eine Frau wünscht sich etwa, dass Bewerbungen für städtische Stellen anonym eingereicht werden können, damit Migrantinnen und Migranten eine bessere Chance haben. Und eine andere Anwesende fordert mehr Ausbildungsplätze für Erwachsene.

Die zeitlichen Abläufe

Zumindest während des Mikrofons ist die Motivation der Migrantinnen und Migranten gross: Eine Gruppe von Frauen schliesst sich bereits zusammen und berät, wer für die Formulierung des Antrags zuständig ist und wer die 200 Unterschriften sammeln soll. Dieser Punkt – darin sind sich die Anwesenden einig – stelle kein Problem dar: Eine Frau etwa winkt gelassen ab und meint, sie könne die Unterschriftenbögen schon allein durch ihren Bekanntenkreis in Bern-West füllen.

Demotivierend wirken hingegen die zeitlichen Abläufe, welche eine Partizipationsmotion durchlaufen muss: Der Stadtrat hat sechs Monate Zeit, um das Anliegen zu besprechen. Schafft die Motion diese erste Hürde und wird angenommen, können weitere zwei Jahre vergehen, bis der Gemeinderat sie tatsächlich umsetzt. «Bis dahin sind meine Kinder längst nicht mehr in der Kita», bemängelt eine Anwesende. Christa Ammann versucht die Frau zu besänftigen: «Das ist in der Politik nun mal so – meist macht man Dinge für zukünftige Generationen.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt