Oft eine Frage der Ehre

Bei kleinen Gerichtsfällen geht es häufig weniger um die Sache als um die Ehre oder das Prinzip, sagt Christine Schaer, Richterin und Geschäftsführerin am Regionalgericht Bern-Mittelland.

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Frau Schaer, was mögen Sie lieber: Die kleinen Fälle, über die sie als Einzelrichterin urteilen, oder die grossen Fälle vor dem Kollegialgericht?
Christine Schaer: Das kann ich nicht sagen, denn es hat bei den kleinen wie bei den grossen Fällen spannende Aspekte. Vor Jahren leitete ich mehr Kollegialgerichte, da sehnte ich mich ein bisschen zurück nach den kleinen Fällen. In diesen kann man noch mehr mit den Leuten im Gerichtssaal nach einer guten Lösung suchen, anstatt einfach das Hämmerchen zu nehmen und zu sagen: So ist es. Im Kollegialgericht ist der Ablauf eines Prozesses mehr vorgegeben.

Welche kleinen Fälle, die Sie behandelten, sind Ihnen speziell in Erinnerung geblieben?
Kürzlich sassen zwei Männer im Gerichtssaal, die sich flüchtig kannten. Der eine hatte den anderen auf der Strasse gegrüsst, der andere ihn beim Grüssen aber nicht angeschaut. Deshalb kam es zu einer tätlichen Auseinandersetzung, und sie wurden beide wegen Körperverletzung angezeigt. Diese Schlägerei entstand aus dem Nichts, und da frage ich mich manchmal, warum wir uns so etwas antun. Denn dass eine harmlose Situation so ausartet, geschieht immer häufiger, auch im Strassenverkehr. Zurzeit beschäftigt uns ein Fall rund um eine Gartenstaude, die eine Nachbarin der anderen ausgerissen haben soll. Da geht es um eine geringfügige Sachbeschädigung, aber wir streiten mit Anwälten. Bei solchen Fällen geht es weniger um das Strafverfahren als um den Hintergrund.

Ist das eine Eigenschaft der kleinen Fälle?
Ja. Es geht häufig weniger um die Sache als um die Ehre oder das Prinzip.

Kommen wir zu den grossen Fällen. Was interessiert Sie an diesen?
Oft einfach der Fall an sich, auch aus rein juristischer Perspektive. Dann aber auch der Einblick ins Menschliche. Auch wenn es schlimm ist, wenn jemand jemanden umbringt, ist die Frage interessant, wie Opfer und Täter so weit kommen konnten. Ebenso wie die Frage, was man tun kann, dass so etwas nicht mehr passiert.

Welche grossen Fälle in Ihrer fast dreissigjährigen Karriere sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Tötungsdelikte sind immer sehr belastend, aber auch spannend. Das erlebte ich zum Beispiel, als ich die Verhandlung zum Mord im Florapark führte. Bei den kürzlich verhandelten Menschenhandelsfällen oder bei der Biologin, die Zellkulturen im Inselspital verunreinigt haben soll, erhielt ich Einblicke in Welten, in die ich sonst nie reinsehe.

Wie sorgen Sie dafür, dass Ihnen Tötungsdelikte nicht zu nahe gehen?
Zum einen mit einem guten Umfeld. Und zum anderen muss man sagen: Für mich ist das ein Fall, ich kenne die Menschen und die Opfer nicht. Das macht den Unterschied aus. Wenn man Beteiligte kennt, muss man den Fall abgeben. Und wenn man diese Grenze grundsätzlich nicht ziehen kann, kann man diesen Job nicht machen.

Am Kollegialgericht stehen Ihnen je nach Schwere des Verbrechens zwei oder vier Laienrichter zur Seite. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?
Bei uns sehr gut. Wir haben mit vierzig Personen relativ viele Laien für relativ wenige Geschäfte – sie kommen nicht so häufig zum Zug bei unseren jährlich circa 70 bis 110 Kollegialgerichten. Das heisst, es fehlt ihnen manchmal etwas die Erfahrung. Sie dürfen zudem daneben nicht juristisch tätig sein, weshalb ihnen das juristische Denken fehlt. Also ziehen wir sie ein bisschen mit.

Haben manche Profirichter damit Mühe?
Ich persönlich schätze es sehr, wenn ich nicht alleine für ein Urteil verantwortlich bin. Aber an sich ist man trotz Laienrichtern als Profi alleine, weil sie eben die juristischen Finessen nicht so abschätzen können. Dazu gehört die Abgrenzung zwischen den Delikten wie etwa die Frage, wann eine Tat nun Mord oder vorsätzliche Tötung, wann Diebstahl oder Veruntreuung ist. Ich persönlich finde die Diskussionen jedoch immer spannend. Alle Laienrichter bringen ihre Lebenserfahrung und ihre Sichtweisen mit, das ist befruchtend. Es stellt sich aber schon die Frage, ob es sie braucht oder nicht. Wir leben mit diesem System und haben eine gute Situation. Aber wenn ich wählen könnte, würde ich das vielleicht ändern. Etwa mit einem Kollegium von drei Juristen.

Können Laienrichter denn überhaupt etwas bewirken, was das Urteil betrifft?
Ja. Die Verfahrensleitung und die Laienrichterinnen und Laienrichter müssen aber alle wissen, wo. Beim Juristischen muss die Verfahrensleitung eher sagen: So ist es, das sagt zum Beispiel das Bundesgericht, darüber gibt es nicht viel zu diskutieren. Bei der Beweiswürdigung zum Beispiel aber hilft eine Diskussion, den Tathergang zu rekonstruieren. Auch bei der Einschätzung, was für ein Mensch da auf der Anklagebank sitzt, können die Laienrichterinnen und -richter wichtige Impulse geben und so auch bei der Strafzumessung entscheidend mitbestimmen.

Christine Schaer (57) ist Geschäftsführerin und Richterin am Regionalgericht Bern-Mittelland. Die Berner Zeitung hat sie einen Tag lang begleitet. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.12.2014, 08:39 Uhr

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