Obhutsentzug bleibt das allerletzte Mittel

Wann Behörden Eltern die Obhut über ihre Kinder entziehen und wie die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde dabei vorgeht, soll dieses fiktive Beispiel zeigen.

Wenn der Rausch der Mutter dem Kind schadet, greift die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde ein.

Wenn der Rausch der Mutter dem Kind schadet, greift die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde ein.

(Bild: Keystone)

Seit sie 16 ist, ist Selina M.* drogensüchtig. Heute, mit 25, ist sie zwar Teilnehmerin des heroingestützten Behandlungsprogramms in der Stadtberner Einrichtung Koda. Trotzdem stürzt sie immer wieder völlig ab, konsumiert alles, was sie kriegen kann. Selina M. lebt von der Sozialhilfe. Einen festen Partner hat sie nicht. Dass sie schwanger ist, merkt Selina M. erst im dritten Monat – aufgrund ihrer Heroinsucht hat sie ihre Monatsblutung unregelmässig, und die Übelkeit hat sie lange für Entzugssymptome gehalten. Sie weiss nicht, wer der Vater ist, will das Kind aber behalten.

Unterstützung für die werdende Mutter

Es ist Selina M.s Mutter, die bei der kantonalen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eine Gefährdungsmeldung macht. Dort kommen die Fachleute zum Schluss, dass die Schwangere aufgrund ihres Drogenkonsums möglichst frühzeitig verbindliche Begleitung, Unterstützung, aber auch Überwachung braucht. Die Kesb eröffnet ein Verfahren zum Schutz des Kindes. Weil Selina M. sehr labil ist, teilt ihr die Behörde dies nicht schriftlich, sondern in einem persönlichen Gespräch mit.

Die Kesb beauftragt den Sozialdienst von Selina M.s Wohngemeinde damit, die Gefährdung abzuklären. Diesem kommt gleichzeitig auch die Aufgabe zu, die werdende Mutter zu beraten, zu begleiten und auf freiwilliger Basis die erforderlichen Massnahmen zum Schutz des Kindes zu organisieren. Das Ziel ist, dass die junge Frau freiwillig Verantwortung übernimmt und die Kesb keine Zwangsmassnahmen ergreifen muss. Weil ein abrupter Entzug den Fötus einem gesundheitsgefährdenden Stress aussetzen würde, empfiehlt der Arzt Selina M. eine streng kontrollierte Methadontherapie. Sie willigt zudem ein, wöchentlich eine Urinprobe abzugeben, damit sich kontrollieren lässt, ob sie zusätzlich Drogen konsumiert.

Die junge Frau will ihr Kind selbstständig grossziehen. Deshalb ist sie motiviert, freiwillig mit den Behörden Absprachen zum Schutz des Kindes zu treffen. Während der Schwangerschaft wird sie von einer Sozialarbeiterin begleitet. Gemeinsam planen sie, wie es nach der Geburt weitergehen soll und welche freiwilligen Schutzmassnahmen für das Kind notwendig sind. Aufgrund der guten Kooperation Selina M.s ergreift die Kesb auch für die Zeit nach der Geburt vorerst keine Massnahmen und zieht keine Fremdplatzierung des Kindes in Betracht. Selina M. ist einverstanden, dass sie die für ihre Sozialhilfe zuständige Sozialarbeiterin weiterhin begleitet.

Rückfall und Chancen, das Muttersein zu erlernen

Einige Monate nach der Geburt ufert Selina M.s Drogenkonsum wieder aus. Sie vernachlässigt ihr Kind zunehmend. Wieder ist es Selina M.s Mutter, die die Behörden verständigt. Dieses Mal ist Selina M. uneinsichtig, sie hält sich nicht an Abmachungen. Trotzdem entzieht ihr die Behörde nicht die Obhut, sondern ordnet eine sogenannte sozialpädagogische Familienbegleitung an. Damit erhält die mit ihrer Mutterrolle überforderte Selina M. im Alltag die Chance, zu lernen, wie sie mit ihrem Kind umgehen muss.

Nach drei Monaten hat sich die Situation nur leicht gebessert. Die Kesb kommt zum Schluss, dass sich ein Obhutsentzug noch immer abwenden lässt, und verfügt neben einer Beistandschaft, dass Selina M. mit ihrem Säugling in ein Mutter-und-Kind-Heim eingewiesen wird. Tatsächlich zeigt die Massnahme Wirkung: Selina M. fängt sich wieder.

Zweiter Rückfall und noch engere Begleitung

Doch schon bald nach der Entlassung wird Selina M. erneut rückfällig. Der Beistand stellt plötzlich fest, dass sie ihrem Kind hin und wieder Valium ins Fläschchen mischt, damit es ruhig ist. Er informiert die Kesb.

Warum die Grossmutter keine Option ist

Nun ist das Wohl des Kindes derart massiv gefährdet, dass die Kesb der jungen Mutter die Obhut entzieht. Ihr Kind wird fremdplatziert. Selina M. darf es zwar regelmässig besuchen, allerdings nur unter Aufsicht. Dieser Entscheid wird der jungen Frau in einem persönlichen Gespräch eröffnet. Die Behörde macht sie darauf aufmerksam, dass sie sich gegen den Entscheid vor Gericht wehren kann. Und darauf, dass die Behörde ihren Entscheid regelmässig überprüfen und aufheben respektive anpassen muss, falls sich die Situation verbessert.

Doch Selina M. will den Entscheid nicht akzeptieren und erklärt, sie werde ihr Kind niemals hergeben. Zwar wäre ihre Mutter bereit, ihr Enkelkind bei sich aufzunehmen. Weil Selina M. den Entscheid der Kesb nicht akzeptiert, müsste sich Selina M.s Mutter gegen ihre eigene Tochter stellen, um die Besuchsauflagen durchzusetzen.

Das erscheint der Behörde zum Schutz des Kindes nicht realistisch. Sie will weder die Grossmutter diesem Loyalitätskonflikt aussetzen noch das an sich gute Verhältnis zwischen Selina M. und ihrer Mutter gefährden. Deshalb entscheidet die Kesb, dass das Kind in einer Grossfamilie platziert wird, die mit Müttern wie Selina M. professionell umgehen kann. Selina M. wird mit dem Entscheid der Behörde nicht allein gelassen: Der Beistand ihres Kindes begleitet und unterstützt auch sie.

Neustart und sukzessive Lockerung der Massnahmen

Eineinhalb Jahre später: Der Obhutsentzug war für Selina M. ein Weckruf. Sie hat einen erfolgreichen Drogenentzug hinter sich und holt eine Lehre nach. Der Beistand ermutigt sie dabei und regelt mit der Kesb das Besuchsrecht neu. Nun darf Selina M. ihr Kind ohne Aufsicht über das Wochenende zu sich auf Besuch nehmen. Erst wenn sie absehbar stabil erscheint und ein für das Kindeswohl schädliches Hin und Her – das heisst ein erneuter Beziehungsabbruch – unwahrscheinlich ist, baut die Kesb das Besuchs- und Betreuungsrecht allmählich aus. Damit hat Selina M. eine reelle Chance, ihr Kind dereinst völlig unbegleitet und selbstständig grosszuziehen.

*Selina M. und der Sachverhalt sind frei erfunden.

Berner Zeitung

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