Müslüm erklärt den Stadtrand

Bern

Die Kunstfigur Müslüm nimmt ihr Publikum auf eine Berner «Stadtrandfahrt» mit. Der Club 111 rund um Meret Matter hat dafür einen Bus gemietet, der dorthin fährt, wo bestimmt keine Touristen sind.

Müslüm mit Frau und Polizei: Was das Publikum während einer «Stadtrandfahrt» genau erwartet, wollen die Initianten nicht verraten.<p class='credit'>(Bild: Yoshiko Kusano/zvg)</p>

Müslüm mit Frau und Polizei: Was das Publikum während einer «Stadtrandfahrt» genau erwartet, wollen die Initianten nicht verraten.

(Bild: Yoshiko Kusano/zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Wer Müslüm am Telefon hat, erlebt so einiges: Ein Detektiv soll die Frau des nuschelnden Türken beim Sex mit einem anderen fotografieren, eine Versicherungsangestellte ihm dabei helfen, ein neues Leben anzufangen, und ein Pilzkontrolleur muss Tipps geben, weil Müslüms bester Freund Drogenpilze in das fürs Quartierfest bestimmte Risotto getan hat.

Mit solchen Telefonscherzen hat sich der Comedian Semih Yavsaner alias Müslüm einen Namen gemacht und natürlich mit seinen Songs «Erich, warum bisch du nid ehrlich?» und «Samichlaus». In den süffigen mit Hip-Hop und orientalischen Klängen angereicherten Liedern hat Müslüm sich für die Reitschule und gegen die SVP und deren rassistische Propaganda ausgesprochen. Müslüm trägt Schnauz und Goldschmuck und wird schnell nervös, wenn ihm jemand nicht entgegenkommt. Doch er hat auch ein grosses Herz, will schnell «Kolleg» mit allen sein. Er ist ein lebendiges Türkenklischee und entlarvt auf ähnliche Weise wie der international bekannte Borat die Borniertheit mancher Leute, indem er so reagiert, wie man es von einem Prototürken erwartet.

In «Stadtrandfahrt», einem Projekt des Theaterclubs 111, das im Rahmen des Theaterfestivals «Wem gehört die Stadt?» (siehe Kasten) stattfindet, erhält die Kunstfigur nun ihren ersten Auftritt in einem Theaterstück. Regisseurin Meret Matter dazu: «Ich wollte zuerst mit Taxifahrern arbeiten, doch ich habe rasch gemerkt, dass diese Idee logistisch nicht durchführbar ist.»

Exotische Bildungsreise

Mitinitiator Resli Burri, der auch schon als Lastwagenchauffeur gearbeitet hat und einen Führerausweis für Cars besitzt, brachte sie auf die Idee, eine Busfahrt als Theater zu inszenieren. «Die Figur von Müslüm nimmt die Zuschauer mit auf eine Bildungsreise der etwas anderen Art», erklären die Theaterleute. Der Bus fährt in die Agglomeration, wo bestimmt keine Touristen sind. Resli Burri spielt einen mürrischen, aber auch pflichtbewussten Buschauffeur, wie wir wohl schon alle mal einem begegnet sind. Grazia Pergoletti tritt als Ticketkontrolleurin auf, während Harald Reichenbach, Fabienne Hadorn und Bea Niggele-Wiggli für weitere ungewöhnliche Begegnungen sorgen.

Mehr will Regisseurin Meret Matter nicht verraten. Nicht einmal, wo der Bus genau durchfahren wird. Nur so viel: «Müslüm wird dem Publikum sein Bern zeigen, aus der Sicht eines Secondos. » Es gehe im Stück um Liebe, um Rassismus und Prinzipientreue. Unterhaltung vor einem realpolitischen Hintergrund nennt Meret Matter das. Und was mag sie eigentlich an Müslüm? «Er ist kein liebes Bubi, sondern ein Gangster, der alle Klischees volle Kanne bedient und dabei absolut liebenswert ist». Na dann: gute Fahrt!

«Stadtrandfahrt»: Heute, 9. bis 14.Juni, jeweils 21 Uhr, Schlachthaus-Theater, Bern. Tickets und Infos: 031 312 60 60 oder www.schlachthaus.ch.

Berner Zeitung

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