Bern

«Mr. Wankdorf» hat den Job gewechselt

BernEr ist der Vater des neuen Wankdorfstadions. Er ist der Retter YBs vor dem Konkurs. Als CEO der Baufirma Marazzi gab Werner Müller sein Herzblut für die Young Boys. Jetzt hat «Mr. Wankdorf» den Job gewechselt.

Für «Mr. Wankdorf» Werner Müller war der Bau des Stade de Suisse die grösste Herausforderung als CEO der Marazzi AG.

Stefan Anderegg

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Bis heute ging bei den YB-Klubbossen nie ein Millionenangebot für Werner Müller ein. Obschon der mittlerweile 57-jährige Architekt in der Geschichte des Berner Traditionsvereins eine mindestens so bedeutende Rolle spielt wie Überflieger Seydou Doumbia. Denn ohne Werner Müller hätte Doumbia wohl nie das gelb-schwarze YB-Leibchen übergezogen. Ohne Müller fänden möglicherweise gar keine YB-Spiele mehr statt – oder höchstens noch in der Amateurliga, vor einer Handvoll Zuschauern, auf einem holprigen Rasen.

«Ohne Müllers Engagement wäre YB womöglich pleitegegangen», sagt Albert Staudenmann, langjähriger YB-Berichterstatter für «Bund» und BZ. «Er war auch dann für YB da, als es dem Klub sehr schlecht ging.»

Der derart gelobte Müller war zwischen 1983 und 2010 CEO der Baufirma Marazzi. Diesen Monat hat er nach 27 Jahren den Job gewechselt (Kasten). Auf der Wankdorf-Tribüne lässt er sich zum Abschied ablichten, im Bauch des neuen Stadions schaut er auf die langwierige Bauphase zurück.

Der Grund, weshalb er sich als Marazzi-CEO für die Gelb-Schwarzen ins Zeug legte und die Firma während mehrerer Jahre Ende Saison die offenen YB-Rechnungen beglich, war der Neubau des Wankdorfstadions. «Denn ohne YB hätte es kein neues Stadion gegeben», sagt Müller.

Im Regen stehen

Parallel zur Geschäftsbeziehung wuchs auch Müllers Herzensbindung an die Gelb-Schwarzen. Die Leidenschaft begann 1974. Als 22-jähriger Hochbauzeichner zog Werner Müller gemeinsam mit seiner Frau Anita von Spiez nach Bern in eines der Hochhäuser vis-à-vis des Wankdorfstadions. «Vom Balkon aus sah ich aufs Spielfeld», sagt er. «Im Nu wurde ich YB-Fan.»

Am Abendtech absolvierte Müller das Architekturstudium – er holte sich das Rüstzeug, das ihn später zum Vater des neue Wankdorfstadions werden liess. Doch zuvor wurde er Papa der Mädchen Maya (1980) und Sandra (1982). Noch heute begleiten die Töchter ihren Vater an fast jedes YB-Heimspiel. «Wir haben in all den Jahren nur wenige Partien verpasst.»

Zwar habe ihm das alte Wankdorfstadion gut gefallen und die Erinnerung an diese Zeit löse bei ihm nostalgische Gefühle aus. «Doch eines Tages hatte ich genug davon, dauernd im Regen zu stehen», sagt Müller. «Und ich wollte zum Pinkeln nicht länger auf eine einsturzgefährdete Toilette.» Der Wunsch nach einem modernen Stadion kam bei ihm auf.

Die Verwirklichung dieses Wunsches begann 1987. Müller, damals seit 4 Jahren CEO der Baufirma Marazzi, startete das Projekt Wankdorfstadion. Er hätte nicht geglaubt, dass dieses Projekt das längste (17 Jahre), das teuerste (360 Millionen Franken) und das emotionalste seiner 27 Jahre dauernden Marazzi-Ära werden sollte. Immerhin hat er in dieser Zeit auch noch Hotels, Einkaufszentren und Wohnungen im Wert von mehreren Milliarden Franken gebaut.

Schlaflose Nächte

Doch nur das Wankdorfstadion, dessen Neubau immer wieder zu scheitern drohte, raubte ihm den Schlaf. Je ausführlicher die Medien übers Projekt berichteten, desto öfter wurde Müller auf der Strasse erkannt und angesprochen. Die Menschen wollten von ihm wissen, wann es vorwärtsgehe. «Der Erfolgsdruck war enorm», sagt er. «Obschon das Stadion privat finanziert wurde, hatten die Leute das Gefühl, es sei ihr Projekt.»

Der Baubeginn verzögerte sich Jahr für Jahr. Es gab Einsprachen gegen das Baugesuch, es kam zu Streitigkeiten über architektonische Details. Mehr als harzig lief die Suche nach Mietern für die 60000 Quadratmeter grosse Mantelfläche. «Die Investoren haben das Wankdorf stets wie eine Liegenschaft betrachtet, die rentieren soll», sagt Müller. Deshalb musste er vor Baubeginn drei Viertel der Mantelfläche vermietet haben. «Weil immer wieder potenzielle Mieter absprangen, standen wir mehrmals vor dem Aus.»

Für YB kämpfen

Noch dramatischer als ums Stadionprojekt stand es in den 90er-Jahren um die Young Boys. «Jeweils im Sommer, wenn die Mitgliederbeiträge und die Sponsorengelder überwiesen wurden, war ein bisschen Geld vorhanden. Doch spätestens in der Winterpause war die YB-Kasse wieder leer», erzählt Müller.

Die Spieler mussten monatelang auf ihre Löhne warten. Die Berner Wirtschaft hatte sich von den Gelb-Schwarzen abgewendet. «In dieser Zeit war Werner Müller der YB-Lebensretter Nummer eins», sagt Urs Frieden, ehemaliger Sportchef der Berner Zeitung und aktueller Stadtratspräsident. «Zwar stammte das Geld von der Firma Marazzi. Doch Müller war es, der für YB gekämpft hat, Beziehungen knüpfte und Herzblut vergoss.»

Im Dezember des YB-Schicksalsjahres 1999 liess Müller seine Kontakte spielen und holte Investor Walter Theiler und Sanierer Albert Koller vom FC Luzern ins YB-Boot. Quasi über Nacht flossen 1,7 Millionen in die Klubkasse der Berner. YB war vor dem Konkurs gerettet. Seit diesem Tag gehts mit den Gelb-Schwarzen aufwärts. «Ich werde nie vergessen, was die Firma Marazzi und vor allem Werner Müller für YB getan haben», sagt Fredy Bickel. Als Sportchef hat Bickel YB in den Nullerjahren an die nationale Spitze zurückgeführt.

Zu Zeiten aber, als die Young Boys nur wenige Niederlagen vor dem Abstieg in die 1.Liga entfernt waren – und kaum mehr als 1000 Leute die Spiele in der alten Wankdorf-Ruine besuchten –, war der Gedanke an ein topmodernes Stadion mit 30000 Plätzen selbst für «Mr. Wankdorf» Werner Müller schwer. Ans Aufgeben dachte er trotzdem nie. «Den Herzensklub lässt man nicht fallen», sagt er. «Entweder ist man YB-Fan, oder man ist es nicht.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.01.2010, 08:12 Uhr

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