Mozart jenseits der Komfortzone

Bewegte Seelenmesse: Die Camerata Bern und das Vokalensemble ardent präsentierten Mozarts Requiem in einem unkonventionellen Rahmen. Ein anregendes Projekt, das aber musikalisch seinen Preis hatte.

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Oliver Meier@mei_oliver

Am Tag des Zorns rotten sie sich zusammen. Ist es ein Angstknäuel oder ein Kraftknäuel? «Dies irae», singt der Chor, «Quantus tremor est futurus – welches Zittern wird sein.» Und die Violinen rasen schauderhaft dahin.

Kaum hat Mozarts Requiem begonnen, schon tagt das Jüngste Gericht. Die Musik ist in Aufruhr, und doch hat alles seine Ordnung. Normalerweise. In branchenüblichen Aufführungen haben alle ihren festgefügten Platz: hier das Orchester, dort der Chor, da die Solisten. An diesem Abend aber ist das Schema aufgebrochen. Das Schema des Konzertrituals. Und die konventionelle Ordnung des heiligen Raums.

Aufgehobene Grenze

Für ihr jüngstes Projekt hat sich die Camerata Bern mit dem Vokalensemble ardent in der Petruskirche einquartiert. Die Kirchenbänke sind entfernt, an die Wand gestellt. Am Boden klebt ein schwarzer Tanzteppich. Düster ist es, als die Interpreten einzeln durch die Türen treten, die Musiker mit ihren historischen Instrumenten, die Sängerinnen und Sänger, ganz in Schwarz. Sie verteilen sich im Raum, als hätte eine unsichtbare Macht sie an ihre Plätze geführt.

Introitus: Requiem aeternam, Adagio. Die Grenze zum Publikum, das den Wänden entlang sitzt, scheint aufgehoben. Es ist eine Seelenmesse jenseits der Komfortzone. – zumindest für die Sängerinnen und Sänger. Nur selten finden sie sich in der Gruppe, wie im Dies irae. Sie treten hervor als zersprengte Individuen, durchmessen den Raum, gehen, stehen, ­liegen, singen in sich gekehrt, zugleich radikal exponiert. Jeder schiefe Ton liesse sich zuordnen. Und doch entsteht das beglückende Erlebnis des kollektiven Chorklangs.

Die Kraft des Regelbruchs

Wie können Gotteshäuser in Zeiten der Kirchenkrise belebt und neu gedacht werden? Und wie lässt sich der Klassikbetrieb aus dem Ghetto der Gewohnheit locken? Die Camerata Bern und das Ensemble ardent verbinden beide Fragen – und machen die Kraft des kreativen Regelbruchs spürbar. Das ist die grosse Stärke des Projekts.

Doch die unkonventionelle Anlage hat ihren Preis. So geschickt und einnehmend der Dirigent Patrick Secchiari inmitten der Kirche als Master of Ceremonies auch agiert. Man merkt, wie schwer es ist, die versprengten Interpreten, die teils mit dem Rücken zum Dirigenten stehen, musikalisch zusammenzuhalten. Die Camerata spielt straff und so farbenreich, wie es nur auf alten Instrumenten möglich scheint. Aber sie spielt kaum mit jener selbstverständlichen Präzision, die man von ihr gewohnt ist.

Fabelhaft ist das junge Solistenquartett, allen voran die Sopranistin Kathrin Hottiger. Und das Vokalensemble ardent? Gesungen wird tadellos, selbst auf dem Rücken. Das muss man erst mal schaffen. Die Bewegungen jedoch, choreografiert von Franziska Meyer, wirken bei den Chorsängerinnen und -sängern mehr eingeübt als verinnerlicht.

Es gibt starke Bilder, die von Angst und Trauer, aber auch von Trost und Zuversicht erzählen. Es gibt aber auch manch leere Geschäftigkeit, die vom Wesentlichen abzulenken droht: Mozarts Musik, die nackt und unbebildert noch immer am stärksten bewegt.

Berner Zeitung

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