Bern

Mit der Barockdame durch Berns Gassen schlendern

BernFrauenleben vom Mittelalter bis in die Neuzeit – das ist das Thema der Tour durch die Berner Altstadt. Die Barockdame Louise du Rocher wartet mit passender Kleidung und spannendenGeschichten von Frauen auf.

Puder, Perücken und Parfüm: Auf dem Stadtrundgang der selbstständigen Stadtführerin Violaine Dussex 
alias Louise du Rocher dreht sich alles ums Thema Frauen.

Puder, Perücken und Parfüm: Auf dem Stadtrundgang der selbstständigen Stadtführerin Violaine Dussex alias Louise du Rocher dreht sich alles ums Thema Frauen. Bild: Beat Mathys

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«So viel nackte Haut, c’est épouvantable, das ist grauenhaft!», enerviert sich Louise du Rocher über die heutige Mode. Sie selbst geht im bodenlangen Barockkleid, mit Perücke und Sonnenschirm durch Berns Gassen. Die Patrizierin ist keine zeitgenössische Dame, sondern eine Figur aus dem Jahr 1759, die Touristen auf die Reise in ein vergangenes Bern mitnimmt.

Die 90-minütige Tour startet auf dem Bundesplatz. Während die Altstadt heute zum Unesco-Welterbe gehört – sauber, gepflastert und renoviert –, sieht die Stadt, wie sie du Rocher schildert, weniger romantisch aus: «Auf der Südseite in der Junkerngasse bin ich aufgewachsen», erklärt sie. Nicht etwa in der Matte, wie das Fussvolk, oder in den Häusern der kalten Nordseite. Du Rocher erging es besser als diesen Frauen, die in feuchten, dunklen Häusern hausten, an den Brunnen die Wäsche wuschen, täglich Wasser von der Nordseite der Stadt holen mussten und wenig Rechte hatten. Mit solchen Problemen hatte du Rocher nicht zu kämpfen: Mode waren damals Puder, Perücken und Parfüm. «Sie müssen aber nicht Angst haben, ich bin gewaschen», sagt du Rocher lachend.

Du Rocher heisst im wahren Leben Violaine Dussex

Die Figur wird von Violaine Dussex gespielt, die bei Bern Tourismus arbeitete und nun als selbstständige Stadtführerin diese Tour anbietet. Sie studierte viele Frauengeschichten und gibt ihr Wissen auf der Tour weiter: Im Käfiggässchen erzählt sie von Anna Seiler, die im 14.Jahrhundert ihr Vermögen in ein Spital investierte und im Zusammenhang mit dem Inselspital bis heute bekannt ist. Vor dem Käfigturm beschreibt sie, wie Catherine von Wattenwyl hier eingesperrt wurde, weil sie für den französischen König spioniert hatte.

Via Meret-Oppenheim-Brunnen geht der Spaziergang weiter. Die vierzehnköpfige Gruppe folgt der Barockdame, deren türkisblauer Rock von Seite zu Seite schwingt. Du Rocher erzählt von Frauen, die nach Ausbildung dürsteten, sie jedoch nicht erhielten. Nicht so Julie Bondeli, die sich schon als Kind für Mathematik und Philosophie begeisterte, sodass ihr Vater – Landvogt zu Burgdorf – ihr gute Privatlehrer besorgte. Später gründete sie einen Salon und empfing in- und ausländische Gelehrte. Dort lernte sie auch den Dichter Wieland kennen. Diesem war eine solche Frau noch nie begegnet, und er lästerte in einem Brief an einen Freund, wie ihm ihre Intelligenz missfalle. «Vive les femmes idiotes», schrieb er. Später verliebte er sich in sie, doch kurz vor der Hochzeit verliess er Bern, ohne sich von ihr zu verabschieden.

Grausame Zeiten: Frauen wurden in der Aare versenkt

Dass diese Zeit insbesondere für arme Frauen nicht einfach war, zeigt auch das Jüngste Gericht am Berner Münster. Eine Figur pickt du Rocher heraus: die Kindsmörderin. Sie hätte eine Magd sein können, die vom Hausherr in der Kammer geschwängert wurde. Die Schande versuchte sie zu verbergen, gebar ohne Hebamme, und das Frischgeborene erstickte unter der Bettdecke. Unschuldig wurden diese Frauen an den Schauprozessen in der Gerechtigkeitsgasse zum Tode verurteilt, in der Aare versenkt oder gar lebendig begraben.

Auf der Münsterplattform kommt du Rocher ins Schwärmen: «Das ist unser Jardin de Plaisir, und hier haben wir uns promeniert», sagt sie. Dort habe auch der Heiratsmarkt nach der Predigt stattgefunden: Die Grosseltern gingen voran, gefolgt von den Eltern und am Schluss den Kindern. «Wir haben nur untereinander geheiratet, um unser Vermögen zu behalten oder gar zu vermehren», erklärt du Rocher.

Frauen durften weder nach Belieben heiraten noch auf Reisen gehen. Mathilde Sophia Cäcilia von Rodt war eine der wenigen, die sich 1901 darüber hinwegsetzten: Sie reiste mithilfe des Erbes ihres Vaters auf dem gleichen Meridian rund um die Welt.

Via Junkerngasse und Gerechtigkeitsbrunnen geht die kurzweilige Tour zur letzten Station, zum Einstein-Haus. «Ich bin mir bewusst, dass auch heute nicht Egalité zwischen Mann und Frau herrscht», schliesst du Rocher ihre Tour. «Doch was gehen mich die Probleme des 21.Jahrhunderts an?» Sagts, winkt mit ihrem Mouchoir (Taschentuch) und geht zurück in ihr Barockzeitalter. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.07.2014, 07:56 Uhr

Bern zu Napoleons Zeit

Stadtführungen mit einem historischen Protagonisten scheinen beliebt zu sein. Während die Barockdame Louise du Rocher, die richtig Violaine Dussex heisst, als selbstständige Stadtführerin mit spannenden Geschichten von Frauen in Bern aufwartet (siehe Haupttext), steht bei der Stadtführung von Bern Tourismus mit dem Titel «Dr Franzos» die französische Besetzung Berns von 1798 im Zentrum. Stadtführer ist hier der «Soldat» Jean Roche Coignet, der eigentlich Raphael Racine heisst.

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