Mit Tempo 70 im letzten Tram

Rubigen

Am Wochenende kam Polo Hofer in die Mühle Hunziken, um sich von seinen Fans zu verabschieden. Doch die freuten sich vor allem über das schöne Wiedersehen.

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«Journalisten schreiben, weil sie nicht spielen können», zitiert Polo Hofer in der ausverkauften Mühle Hunziken genüsslich den Jazzmusiker Quincy Jones. Der Mann mit der Sonnenbrille, dem Schweizer-Kreuz-Mytli und dem Westernhemd, der sich locker auf die Keyboardburg seines Freundes Hape Brüggemann stützt, muss es wissen.

Aus Anlass seines kürzlichen runden Geburtstags wurde seine Biografie in den Medien ausführlich neu erzählt, befeuert von den packenden Storys des Jubilars. Polo selbst war übrigens einst auch selber ein Schreiber für diese Zeitung. Ein Teil seiner Liedtexte pflegt einen journalistischen Ansatz, Hofer verstand sich stets als Chronist der laufenden Ereignisse. Dass er es immer noch tut, ist eine gute Nachricht.

Absage an die Heimattümelei

So eröffnet Polo sein Mühle-Konzert – das erste als 70-Jähriger, wie er verwundert feststellt – mit dem wenig bekannten «Mys einzige Land», einem Liebeslied, das auch für Verlorenheit und Weltschmerz steht. «Wie nes stoubigs Lied im ne Warelift – chumen i mr sälber vor», lautet eine der zweiflerischen Zeilen, und im Refrain gibt der Sänger den Heilslehren und der Heimattümelei einen Korb. «Hütt Nacht bisch du my Heimat / Du bisch mys einzige Land.»

An diesem Abend folgen weitere Songs mit philosophischem Gehalt, die zu Polos aktueller Lebensphase passen: «Stilli Wasser» etwa, einer von Hofers tiefgründigen Texten, oder das in Jodlerkreisen beliebte «Blueme», ein musikalisches Carpe diem.

Er sei kein Bühnenjunkie, liess Hofer kürzlich verlauten – ein gewandter Entertainer ist er immer noch. Dass er an diesem Abend fiebrig ist und vier Dafalgan intus hat, hört man kaum. Im Hintergrund agiert die Band zweckdienlich und spielfreudig. Das ist keine alte Maschine, die läuft und läuft, wie es bei der festzeltgeeichten Schmetterband der Fall war. Das grosse Pathos und der straighte Rock ist hier nicht die Kernkompetenz, dafür hat es mehr Platz für Improvisationen und vorwärtstreibende Grooves.

Der Seniorchef feuert seine Musiker an, weist sie zurecht, wenn mal was schiefgeht und pflegt die ständige Interaktion mit dem Publikum. Das bleibt vorerst noch in der Reserve, die Zeiten des Chilbirock sind auch für die Polo-Fans, die mit ihm älter geworden sind, vorbei. Doch spätestens wenn die Klassiker von «Rote Wy» bis «Wyssebüehl» anklingen, kennt das Schwelgen keine Grenzen.

Diese Texte sind im Unterbewusstsein von Tausenden gespeichert, und wenn Polo die Playtaste drückt, melden sie sich wie von selber. Polo Hofer bleibt ein Freund des Volks, aber in seinem Clubrepertoire setzt er neue Akzente. «Alperose» jedenfalls gibt er – eine Art Premiere – beim Freitagskonzert nicht zum Besten.

Echo der Zeit

Er habe schon als Jungrocker mehr draufgehabt als «I maches vom Morge bis am Abe, mit dr Fabe u dr Sabe», frotzelt der Altrocker und stürzt sich in den «Summer 68». Hofer hat recht: Er hörte schon immer das Echo der Zeit. Die Armutsballade «Wi chan en arme Maa so Zyte dürestah?» widmet er darum aus aktuellem Anlass allen Griechen. Was zur Anschlussfrage führt: Folgt auf den möglichen Grexit bald schon der Polout? Denn dies ist ja eine Abschiedstour.

Seine Band will Polo auflösen und sich dem Müssiggang und der Malerei widmen. Vorerst gibt es aber viele weitere Konzerte und ein neues Album. Wie man Polo kennt, lässt er die Dinge auf sich zukommen. «Eine nähme mer no», singt er in der Zugabe. Vielleicht werdens dann auch zwei.

Polo Hofer auf Abschiedstour: alle Daten unter www.polohofer.ch.

Berner Zeitung

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