Mikrokosmos Murifeld

Bern

Ein schweizweit einmaliges Modell gewährt den Mietern der städtischen Siedlung Murifeld umfassende Mitbestimmung. Auch darum wirkt das Quartier wie ein eigener Kosmos in der Stadt – und funktioniert bis heute als Widerstandsnest.

<b>Angekommen im Murifeld:</b> Manuel Castellote mit einer Sonderausgabe des «Murifeldbuchs».

Angekommen im Murifeld: Manuel Castellote mit einer Sonderausgabe des «Murifeldbuchs».

(Bild: Beat Mathys)

Christoph Hämmann

Einfach so gelangt man nicht ins Murifeld: Auf der Muristrasse fahren zwar täglich Tausende daran vorbei, doch weder sehen sie hinein noch bietet sich ihnen eine Zufahrt an. Diese ist nur vom Ostring her möglich – quasi durch den Hintereingang, vom Stadtzentrum aus betrachtet.

Dann öffnet sich eine Siedlung, die wenn nicht von einem anderen Planeten, so doch von einer anderen Stadt als Bern zu sein scheint: Von Haus zu Haus ­andersfarbig die Fensterläden, Fähnchen über die Strasse gespannt, Hühner, verwunschene Gärten, mehr Kinder als üblich. Eine Siedlung, die in der «Stadt der Beteiligung», wie sich Bern nennt, Pioniercharakter hat.

«Zehn Jahre hat es gedauert, bis ich ins Quartier hineinge­sehen habe», sagt Manuel Castellote. Zehn Jahre, die der Grafiker am Murifeldweg wohnte, neben der nach dem Ersten Weltkrieg gebauten städtischen Wohnbausiedlung mit ihren 39 Häusern und 262 Wohnungen an Muri-, Gruber-, Jolimont-, Kasthofer- und Mindstrasse.

Zehn Jahre in unmittelbarer Nachbarschaft und doch nicht Teil davon. «Das Murifeld war von Anfang an in­trovertiert angelegt», sagt Castellote. Angelehnt an das altgermanische Prinzip der Sippensiedlung, wie es im soeben erschienen «Murifeldbuch» heisst.

157 persönliche Geschichten

Jetzt sitzt Castellote in einem der Gärten im Murifeld, die voller Durchgänge sind und miteinander verwachsen zu einem wuchernden Dschungel. Ein Kind zu haben, habe die Integration erleichtert. Und dann natürlich das Buch: Er hat das Projekt koordiniert, streifte monatelang mit dem Fotoapparat herum und besuchte Leute.

Deren Porträts sind der Kern des Buchs: 157 Menschen oder Gruppen, die 157-mal die gleiche, 157-mal eine ganz andere Geschichte erzählen: Ihre Beziehung zum Murifeld, in das sie ­hineingeboren wurden, wo sie hinzogen und blieben oder von wo sie wieder weggingen – oder, in einigen Fällen: wo sie etwa als städtischer Angestellter oder als Architekt zur jüngeren Quartiergeschichte beitrugen. Für sie ist das Murifeld ein gallisches Dorf. Oder eine Kolonie, eine Insel, eine Oase. Ein Mikrokosmos.

157 Porträts, der historische Text und ein Beitrag zum Ko­operationsmodell zwischen Stadt und Quartier: Am Ende entstand ein 400-seitiger Schmöker.

Inspiriert von Zaffaraya

Es braucht nur wenig Veranlagung zum Voyeurismus, um lustvoll in die Porträts einzutauchen, die einem mitunter ein ganzes Leben skizzieren. Aus über fünfzig Nationen stammen die Bewohnerinnen und Bewohner des Murifelds. Und mit den Musikerinnen und Musikern, die hier leben und lebten, liesse sich ein mehrtägiges Festival bespielen.

Der historische Text erzählt eine packende Quartiergeschichte. In den 1950er-Jahren lebten hier Schweizer Büezer, ehe ein Generationenwechsel erfolgte, der das Murifeld gleichzeitig multikulturell durchmischt und alternativ werden liess.

Die Alternativen waren inspiriert vom Kopenhagener Freistaat Christiania und vernetzt mit dem Zelt- und Wagendorf Zaffaraya im Berner Marzili. Als dieses 1987 polizeilich geräumt wurde, vermehrten – und radikalisierten – sich im Murifeld die Alternativen.

Da war es keine gute Idee der Stadtbehörden, praktisch zeitgleich eine «uniforme» Sanierung der Siedlung anzukündigen.

Das Wunder vor der Wende

«Es brodelt im Murifeld», heisst das Kapitel zu den Jahren 1986 bis 1989, und es erzählt unter anderem die Geschichte von den neuen Gucklochtüren, welche die Stadt vor der Kasthoferstrasse 22 deponierte. Aus der Montage wurde nichts: Die Türen landeten über Nacht vor dem Einfamilienhaus des Chefs der städtischen Liegenschaftsverwaltung.

1986 gründeten Bewohner die Mieterinnen- und Mietervereinigung Murifeld und verlangten eine sanfte und ökologische Sanierung, nach der die Wohnungen bezahlbar bleiben würden. 1987 fand das erste Murifeldfest statt. Und zum Protest gesellte sich eine zweite Strategie: den Behörden mit fachlichen Argumenten zu begegnen.

Schliesslich nahm ein politischer Vorstoss die grosse Berner Zeitenwende vorweg: Ueli Gruner, Stadtrat des Jungen Bern, verlangte eine Sanierung unter Mitwirkung des Quartiers – drei Jahre vor dem Beginn der Ära von Rot-Grün-Mitte. Umso grösser war die Überraschung, als der Vorstoss 1989 angenommen wurde. 1993 begann die Planung mit Mitbestimmung der Mieterschaft, 1995 starteten die Sanierungsarbeiten.

2003, nach zehn Jahren der ­Zusammenarbeit zwischen Stadt und Quartier, wurde das Kooperationsmodell vereinbart. Dabei handelt es sich um eine schweizweit einmalige Innovation, die sich das Quartier erstreiten und worauf sich die Stadt einlassen musste. Das Kooperationsmodell ermächtigt die Mieterinnen und Mieter zur Mitbestimmung bei Wohnungsvergaben, Renovationen sowie Veränderungen im Aussenraum. Die Mieterschaft übernimmt Verwaltungsaufgaben und wählt Delegierte.

Arbeit und Reibung

All dies also steht im «Murifeldbuch» – und noch mindestens 1001 Geschichten mehr. Es ist ein schönes Buch geworden, auch handwerklich, mit gestrichenem Glanzpapier im Bildbandstil der 1920er-Jahre für den historischen Teil und mit grobem Recyclingpapier beim Kapitel zum Kooperationsmodell – weil Mitwirkung auch Arbeit und Reibung bedeute.

Die 157 Autorinnen und Autoren, die sich zu ihrer Beziehung zum Murifeld äussern, tun dies in den meisten Fällen voller Zuneigung. Nur hie und da gibt es eine leise kritische Note, etwa von der 30-Jährigen, die im Quartier aufgewachsen ist und als Erwachsene wegzog. Ihr war es zu eng im Quartier, und auf keinen Fall wollte sie werden wie ihre Eltern und deren Freunde, die an den «After-Murifeldfest-Partys» wild herumhampelten und «zuckten zur Musik».

Immer wieder erwähnt wird in den Texten das Kooperationsmodell, welches das Murifeld erst einzigartig mache. Hier könne er «als quasi Besitzloser mitbe­stimmen», schreibt einer – und lässt durchblicken, dass dieses Privileg nicht allen gleicher­massen bewusst sei: Weil viele Leute das Potenzial des Kooperationsmodelles nicht erkennten, sei das Quartier «auch immer wieder eine verpasste Chance».

Buch mit Botschaft

Die Mitbestimmung ist nicht in Stein gemeisselt: 2015 verlängerte die Stadt das Modell für fünf Jahre. 2016 verlor die Siedlung ihren denkmalpflegerischen Schutz, und während irgendwann die nächste Sanierung auf das Murifeld zukommt, sieht die Stadt im Quartier «Verdichtungspotenzial» (siehe Kasten).

«Das hat das Quartier mobilisiert», sagt Manuel Castellote. So kann man im Buch auch eine Botschaft an die Behörden sehen: Wir sind als Kollektiv immer noch zu Grossem fähig. Wie das Buch – nach innen und nach aussen – an die kämpferischen Ursprünge des Quartiers in seiner heutigen Form erinnert, dürfte bei künftigen Auseinandersetzungen nicht schaden.

So einfach wie 1653 dürften die Behörden das Murifeld jedenfalls nie mehr austricksen können. Damals schloss die städtische Elite Frieden mit den «rebellischen ländlichen Untertanen», die im Murifeld lagerten – bloss um den Vertrag nach Auflösung der Rebellentruppen für ungültig zu erklären und einen grausamen Rachefeldzug gegen die Aufrührer zu führen.

Buchvernissage: Samstag, 16 bis 18 Uhr, am Murifeldfest. Dieses beginnt heute und dauert bis Sonntag. Vom Buch ist eine Sonderausgabe am Fest erhältlich. Danach ist es als «Book on Demand» im Buchhandel erhältlich.

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