Bern

Meine erste Nacht in der Altstadt

BernVerdrängt die Beherbergungsplattform Airbnb die Einheimischen aus der Berner Altstadt oder hilft sie ihnen, die hohen Mietzinsen zu finanzieren? Ein Selbstversuch zeigt: Dem Charme von Airbnb erliegt man sofort.

«In the heart of Berne. Feel the spirit!» Unser Test-Airbnb lag in der Brunngasse und hat einem Berner einen neuen Blick auf Bern ermöglicht.

«In the heart of Berne. Feel the spirit!» Unser Test-Airbnb lag in der Brunngasse und hat einem Berner einen neuen Blick auf Bern ermöglicht. Bild: Beat Mathys

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Die Altstadt von Bern hat ein Schloss, es heisst Château Fontaine und liegt an der Brunngasse. Wer kann da widerstehen?

Das Surfen im Airbnb-Angebot für die «Unesco-Altstadt» von Bern ist ein reines Vergnügen. Es wimmelt von coolen Lofts mit Münsterblick, Dachstockwohnungen mit lässig aufgespannter Hängematte, WG-Zimmern bei super unkomplizierten Menschen. Oder Bijoux wie dem Studio «in the heart of Berne. Feel the spirit!».

Gelegentlich müsste man über 200 Franken pro Nacht und Person hinlegen, aber es gibt auch ein «tiny flat in the old town» direkt an der Aare, wo man sich im Bett der abwesenden Bewohnerin für 30 Franken pro Nacht hinlegen könnte, Bedienung im Kühlschrank inklusive.

Das rote Kopfkissen!

«Feel the spirit» der digitalisierten «sharing economy» in der hippen «old town of Berne»! Mir hat es der «big sunny room» des Château Fontaine angetan, in dem gemäss Foto auf der Buchungsplattform ein Doppelbett mit riesigem rotem Kopfkissen steht. «Great location», loben meine Vorbucher aus aller Welt in der Bewertungsspalte, «highly recommended», auch wegen des hilfreichen und freundlichen Gastgebers.

Ich buche kurzfristig für 53 Franken die Nacht (plus 8 Franken für die Endreinigung), die umgehend von meiner ­Kreditkarte abgezogen werden. Der Preis wird vom Vermieter selber festgelegt: Je nach Nachfrage sinkt die Rate für das ­Zimmer im Château auf unter 50 Franken.

Vom Buchungsmoment an betreuen mich Airbnb und mein Gastgeber einfühlsam über mein Smartphone. Mir werden Fotos geschickt der Eingangstür sowie der Schlüsselbox, die ich mit dem abgebildeten Code öffnen könnte, wenn der Gastgeber bei meiner Ankunft abwesend wäre.

Das Château Fontaine entpuppt sich als Wohnung in einem Altstadtbau der pittoresken Häuserzeile der Brunngasse.

Mein Gastgeber führt mich über eine imposante Wendeltreppe hinauf in seine helle Wohnung und in mein Zimmer, wo mir das rote Monsterkopfkissen entgegenleuchtet, zeigt mir Küche und Kühlschrank, das gemeinsam ­benutzte Badezimmer, übergibt mir die Schlüssel und verabschiedet sich. Er arbeitet Nachtschicht und kreuzt erst am nächsten Morgen früh wieder auf.

Hippe Berner Neighbourhood

Es ist fast unmöglich, sich vom lockeren Groove der Airbnb-Community nicht anstecken zu lassen. Sogar als Berner lernt man «seine» Stadt während eines Kurzaufenthalts in Quartieren, in denen man sich nie eine Wohnung leisten könnte, plötzlich aus anderer Perspektive kennen – vielleicht auch, weil Airbnb-Vermieter auffallend oft Zugewanderte sind.

Sogar als Berner lernt man «seine» Stadt plötzlich aus anderer Perspektive kennen.

Kritiker monieren, dass es ausgerechnet der Airbnb-Boom sei, der den bezahlbaren Wohnraum im Stadtzentrum ­verteuere und die Einheimischen verdränge. Befürworter argumentieren, dass die unkomplizierte Buchungsplattform Stadtbewohnern Zusatzeinnahmen verschaffe und deshalb helfe, die steigenden Mietzinsen zu tragen.

Dieser Kulturkampf um die «sharing economy» ist auch in Bern angekommen. In der Altstadt explodiere die Zahl der Zweitwohnungen und Airbnbs, wird kritisiert. Weil niemand genaue Zahlen kennt, will sie die Stadt nun erheben (siehe Zweittext).

Isabelle Witzleben, Sprecherin der Airbnb-Europazentrale in Berlin, kann allerdings die Situation in Bern mit ihren Daten skizzieren. Im Jahr 2016, sagt sie auf Anfrage, habe es in der Stadt Bern 600 aktive Airbnb-Unterkünfte gegeben. Aktiv bedeute jedoch, dass eine Unterkunft mindestens einmal in diesem Jahr über Airbnb verfügbar gewesen sei.

Airbnb-affine Berner

Surft man in diesen Tagen im Airbnb-Angebot für die Stadt Bern, findet man rund 100 Übernachtungsmöglichkeiten – und zwar längst nicht nur in der Altstadt. Sondern gerne auch im Mattenhof (Verkaufsargument: Nachbarschaft zur Filiale der Gelateria di Berna) oder in «the hip neighbourhood of Länggasse». So angesagt wie auf Airbnb fühlt sich die Stadt Bern sonst fast nie an.

Laut Witzleben verdiente ein Stadtberner Airbnb-Anbieter 2016 im Durchschnitt 2500 Franken und vermietete seine Loge für 32 Nächte. Insgesamt generierte Airbnb im vergangenen Jahr 18'000 Gästeankünfte (bei insgesamt in Bern registrierten 400'000 Gästeankünften im Jahr 2016).

Insgesamt, könnte man sagen, ein touristisches Randphänomen – wobei die Stadtberner selber offenbar eine Airbnb-Affinität pflegen: 54'000 Reisen sind laut Witzleben 2016 aus der Stadt Bern heraus gebucht worden.

Feel the spirit!

Im Château Fontaine verbringe ich, als gebürtiger Berner, die erste Nacht meines Lebens in einer absolut coolen, wenn auch spartanisch eingerichteten Loge inmitten des Unesco-Weltkulturerbes.

Aus meinem Zimmerfenster sehe ich den Münsterturm, wie er in der Abendsonne über den Altstadtdächern aufragt, und gleich gegenüber in einen verwinkelten Dachgarten, in dem wucherndes Grün und skurrile Skulpturen zu einer tropisch anmutenden Installation verwachsen.

Ich lege mich auf das formidable Bett, an mein Ohr dringen Fetzen der Gästegespräche vor der Zsa-Zsa-Bar und dem Zimmermania. Ich falle in einen mediterranen Dämmerschlaf, nur das rote Monsterkissen ist zu viel für meinen Nacken.

Am nächsten Morgen dusche ich mit Blick auf die Kornhausbrücke, lasse die Schlüssel auf dem Nachttisch zurück und ziehe vor 7 Uhr durch die kühlen, gespenstisch ruhigen Altstadtgassen.

Feel the spirit! Meine Bewertung: Highly recommended. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.07.2017, 07:01 Uhr

Hat getestet: Autor Jürg Steiner. (Bild: jsz)

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