Mehr Frauen und Junge fischen

Die Flüsse haben wenig Fische, die Anglervereine wenig Mitglieder. Doch seit kurzem bringen junge Einsteiger und Frauen wieAnna Linder Schwung in die behäbige Fischerszene.

«Ich mag diese archaische Beschäftigung»:?Anna Linder ist Lehrerin und Grossrätin – und hat das Fischen als Hobby für sich entdeckt.

«Ich mag diese archaische Beschäftigung»:?Anna Linder ist Lehrerin und Grossrätin – und hat das Fischen als Hobby für sich entdeckt. Bild: Urs Baumann

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Nein, heute habe sie noch nichts gefangen, sagt Anna Linder. Dann holt sie mit der Rute aus, wirft den Köder flussaufwärts und zieht ihn mit der Schnur behutsam in wechselndem Tempo zurück. Wieder nichts. Anna Linder, 37-jährig und aus Bern, steht an diesem frühen Morgen kurz nach dem Start der Forellensaison zwischen Münsingen und Rubigen an der Aare.

«Keine guten Voraussetzungen», sagt sie, «das Wetter.»Angeln ist eine bodenständige Beschäftigung für ältere Männer mit viel Geduld. Das gilt immer noch, aber nicht mehr ausschliesslich. Die Szene ist durch jüngere Männer und Frauen in Bewegung geraten. Sie sind aktiver und verstehen Angeln nicht bloss als Geduldsprobe und Zeitvertreib.

Krise in den 90er-Jahren

Anna Linder, Lehrerin und Grossrätin, fischt seit drei Jahren. Sie hat Kurse besucht und den fürs Patent nötigen Sachkundenachweis erworben. «Ich schätze die Natur und mag die archaische Beschäftigung.» Sie wisse, dass sie als Frau immer noch als Ausnahme gelte. «Die Fischerkollegen akzeptieren mich. Hin und wieder reagieren Freunde erstaunt.»

In den 90er-Jahren verlor die Hobbyanglerei viele Anhänger. Unter anderem waren die sinkenden Fischbestände in den Fliessgewässern schuld. Zwar schwimmen immer noch zu wenig Fische in Flüssen und Bächen. Doch steigen laut dem kantonalen Fischereiinspektor Thomas Vuille die Bestände in den Seen und Bergseen seit der Jahrtausendwende wieder deutlich an.

Der Niedergang und die teilweise Erholung beeinflussen die Zahl der Anglerpatente. Unterdessen haben diese Bewilligungen wieder das Niveau von 1990 erreicht (siehe Grafik). Die Erholung täuscht allerdings. In der Gesamtzahl von 16'101 Bescheinigungen im Jahr 2015 sind 2776 Gästepatente enthalten. Seit 2010 können Inhaber von Jahrespatenten auf diese Weise Begleiterinnen und Begleiter einladen.

Weniger Vereinsfischer

Mitglieder von Vereinen kaufen vor allem Jahrespatente. Nichtmitglieder erstehen meist Tages-, Wochen- oder Monatsbewilligungen. Der Vergleich zeigt, dass der Anteil der Nichtmitglieder zunimmt. 1990 verkaufte der Kanton erst 2819 Kurzzeitpatente, die bei den ungebundenen ­Fischern beliebt sind. Letztes Jahr waren es bereits doppelt so viele.

Der Kanton veräussert zwar insgesamt wieder mehr Bewilligungen, doch die Vereine profitieren nicht davon. Die 54 im Bernisch-Kantonalen Fischereiverband zusammengeschlossenen Vereine haben zurzeit 5500 Mitglieder. «Die Zahlen stagnieren», sagt Verbandspräsident Markus Meyer.

Teure Ausrüstungen

Rund neun Prozent der Mitglieder sind Frauen. Berufsschullehrerin Linder wird nächstens Mitglied des Fischereivereins Aaretal. «Manche Angler sind Eigenbrötler, doch ich fische gerne mit Kollegen.» Kommt dazu, dass die Politikerin der Grünen kein Auto hat und aufs Mitfahren ange­wiesen ist. «Mit dem Velo zum Fischen, nein, das ist meist zu umständlich.»

Anna Linder hat eine eher karge Ausrüstung: guter Durchschnitt. Andere Anfänger, vor allem Männer, lassen sich ihr Equipment ein paar Tausend Franken kosten.

Angeln ist ein Trendsport geworden. Das bestätigen auch die Fischereifachgeschäfte, die davon profitieren. «Die Einsteigerinnen und Einsteiger betrachten ihr Hobby als Teil ihres Lifestyles. Sie dokumentieren dies zum Beispiel mit farbigen Ruten und Schnüren oder trendiger Funktionsbekleidung», erklärt Markus Maissen von Bernhard Fischereiartikel in Wichtrach.

Von einem «extremen Wandel» spricht Cristina Meldau von Fishspirit in Bern. Wie beim übrigen Hobbymarkt leiste man sich teurere Ausrüstungen, ergänzt Tim Gebhart von Drill Point in Moosseedorf.

Der Angelsport bewegt sich. Eines ist geblieben: Der Drang, mit dem schönen Fang daheim aufzutrumpfen. Anna Linder geht an diesem Tag mit leeren Händen nach Hause. Ein Fischerkollege berichtet von einem Bekannten, der diese Enttäuschung vermeiden wollte. «Ich sah ihn, wie er mit Gummistiefeln an der Migros-Fischtheke eine Forelle kaufte.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.03.2016, 20:31 Uhr

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