Matthias Aebischer: «Ich habe all meine Ersparnisse investiert»

Der Quereinsteiger und frühere Moderator ist neuer SP-Nationalrat. Seinetwegen verfehlte Stadtpräsident Alexander Tschäppät die Wahl. TV-Promi Aebischer wehrt sich dagegen, ein Polit-Greenhorn zu sein.

Jubel in der Wahlnacht: Nach Bekanntgabe des Resultats nimmt Matthias Aebischer die Gratulationen von Parteikolleginnen und -kollegen entgegen.

Jubel in der Wahlnacht: Nach Bekanntgabe des Resultats nimmt Matthias Aebischer die Gratulationen von Parteikolleginnen und -kollegen entgegen.

(Bild: Christian Pfander)

Den Interviewtermin setzt der neu gewählte Nationalrat erst nach dem Mittag an. Die Nacht sei kurz gewesen, er müsse noch eine Weile schlafen, entschuldigt sich Matthias Aebischer. Im Wohnzimmer seines Hauses im Marzili fallen die Spielsachen der Kinder ins Auge. Aebischer setzt sich an den langen, alten Tisch mit zerfurchter Holzplatte und trinkt einen Kaffee. Zwischendurch klingelt immer wieder das Handy.

Herr Aebischer, kommen Sie als Hausmann am heutigen Tag noch zum Haushalten? Matthias Aebischer: Nein, heute werde ich bedient. (Lacht) Meine Frau macht den Vollservice. Meine Haushalttage sind Mittwoch, Donnerstag und Freitag.

Als neu gewählter Nationalrat sind Sie ein begehrter Mann. Ja, heute läufts gewaltig. Ich gebe Interviews für Zeitungen und Radios, muss noch bei TeleBärn vorbeischauen, und am Abend bin ich Gast bei einer SF-Talkrunde.

Hat Fernsehdirektor Ruedi Matter dem früheren TV-Mann Aebischer schon gratuliert? Nein, ich kenne ihn nicht gut. Solche offiziellen Sachen gibt es nicht beim Schweizer Fernsehen. Aber ich habe Gratulationen vieler früherer TV-Kolleginnen und -Kollegen erhalten.

Die Wahl verdanken Sie Ihrer Bekanntheit als TV-Moderator. Es war die Basis meiner Kandidatur, das stimmt. Aber die Bekanntheit allein reicht nicht. Andere Quereinsteiger wie der Ex-Skirennfahrer Paul Accola sind zum Teil bekannter als ich, verpassten aber die Wahl.

Woran liegt es dann noch? Ein Quereinsteiger braucht einen guten Wahlkampf, Glück und zur Bekanntheit auch Glaubwürdigkeit, die ich mir beim Fernsehen erarbeitet habe.

Im Wahlkampf starteten Sie früh mit originellen Plakaten, verteilten im Sommer Badetücher mit Ihrem Bild. Ich finde diejenigen Politiker sympathisch, denen es Spass macht. Die Leute sollen sagen: «Hei, Politik kann peppig sein.» Deshalb versuchte ich Sachen zu machen, über die gesprochen wird und die es in die Medien schaffen. Die Badetücher zum Beispiel oder die Kaugummipäckchen, die wir verteilten. Im Internet habe ich Vollgas gegeben mit Homepage, Facebook und Twitter. Das alles hat sich offenbar gelohnt.

Sie hatten noch kein politisches Amt und keine Funktion inne. Da ärgern sich doch langjährige Parteigenossen wie Alexander Tschäppat, wenn Ihnen ein Newcomer im Weg steht. Öffentlich angegriffen wegen meiner Kandidatur wurde ich nie. Ich denke, dass Alexander Tschäppät, den ich sehr schätze, es als sportliches Duell sieht. Bei Wahlveranstaltungen sprachen mich sogar Leute an, die sich freuten, weil einer vom Fernsehen bei der SP mitmacht. Die Quereinsteiger brachten der Partei zudem Stimmen, die sonst nicht zur SP gegangen wären.

Sie bezeichnen sich als Vertreter des Mittelstandes. Konnten Sie Ihren Wahlkampf selbst finanzieren? Ja, ich habe meine ganzen Ersparnisse hineingesteckt. Der Wahlkampf kostete mich 44'000 Franken. Übrigens bezahle ich noch 5 Prozent, also 2200 Franken, in die Wahlkampfkasse der SP.

Nach der Wahl folgt jetzt der Politalltag. Was antworten Sie, wenn man Sie als politisches Greenhorn bezeichnet? Das bin ich nur bedingt. (Lacht) Wenn das jemand behauptet, so war er lange im Ausland. Seit 15 Jahren habe ich im Fernsehen Politsendungen gemacht. Wenn man National- und Ständeräte sowie Bundesräte in der Runde hat, kann man kein Greenhorn sein. Es ist aber klar, dass ich nun lernen muss, in den politischen Abläufen aktiv zu werden.

Wo siedeln Sie sich bei der SP an? Meine Hauptanliegen sind Familien, Bildung, öffentlicher Verkehr und erneuerbare Energien. Damit liege ich gut auf der SP-Linie. Ich bin sicher eher Pragmatiker und lösungsorientiert.

Wo stehen Sie in der EU-Frage? Während des Wahlkampfs outeten Sie sich als Skeptiker der EU. Die jetzige EU ist nicht meine EU. Eine EU, die mir gefällt, muss der Ökologie und dem Sozialen einen viel höheren Stellenwert geben. Solange in der EU die Reichsten reicher und die Ärmsten ärmer werden, ist sie kein gutes Gebilde.

Helfen Sie im Dezember mit, eine Bundesrätin oder einen Bundesrat abzuwählen? Das Wichtigste ist: Die SP hat zwei Sitze, die wollen wir behalten. Alles Weitere werden wir in der Fraktion besprechen.

Matthias Aebischer (44) ist in Schwarzenburg aufgewachsen und lebt in Bern. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Aebischer ist Hausmann und lehrt auch an der Uni Freiburg.

Berner Zeitung

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