Worb

Marc Sway gab ein Konzert zum Sehen statt Hören

WorbIm Bärensaal traten Marc Sway und Band bei einem einmaligen Konzert auf. Im Publikum: Zuhörer und gehörlose Zuschauer. Zwei Dolmetscherinnen übersetzten die Musik in Gebärdensprache. Ein Erlebnis für beide Seiten.

Marc Sway wagte am Freitag ein Experiment im Worber Bärensaal: Ein Konzert für Hörende und Gehörlose.

Marc Sway wagte am Freitag ein Experiment im Worber Bärensaal: Ein Konzert für Hörende und Gehörlose. Bild: Walter Pfäffli

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Vor dem Bärensaal in Worb warten die Zuschauer auf Einlass. In wenigen Minuten beginnt das Konzert von Marc Sway. Man unterhält sich, lacht, ein paar rauchen. In mehreren Grüppchen wird heftig gestikuliert. Nicht weil die Emotionen so hoch gehen, sondern weil die Hände das Ausdrucksmittel sind: Viele Gehörlose sind zum Konzert gekommen. Der scheinbare Widerspruch, die Kluft zwischen Musik und Hörbehinderung, wird von Dolmetscherinnen überwunden: Lilly Kahler und Gaby Hauswirth übersetzen das Konzert für Gehörlose und Hörbehinderte.

Der Graben zwischen den beiden Welten scheint riesengross, vor allem weil man als Hörender sehr wenig mitbekommt von der Welt der Gehörlosen – man kann sich nicht vorstellen, wie so etwas Vielschichtiges wie ein Lied übersetzt werden soll. «Die meisten Hörenden können die Begegnungen mit Gehörlosen wahrscheinlich an einer Hand abzählen», meint Marc Sway vor dem Konzert. Doch für Gehörlose wie Marzia Brunner, Präsidentin des Vereins MUX (Musik und Gebärdensprache), der die Konzertübersetzung organisiert hat, ist es Alltag, von Hörenden umgeben zu sein und sich irgendwie mit ihnen zu verständigen.

Herz aus Stein

Wenn Marc Sway singt: «my heart will turn to stone» – mein Herz wird zu Stein –, zeigt neben ihm Gaby Hauswirth auf ihr Herz und krümmt sich unter dem Gewicht. Nicht alle Zeichen der Gebärdensprache sind für Laien so einfach zu verstehen. «Die Sprache basiert nicht auf Worten, Silben oder Buchstaben, sondern auf Inhalten», erklärt Hauswirth.

Musikübersetzung unterscheidet sich von der Gebärdensprache des Alltags. «Wir übersetzen auch Aspekte wie Rhythmus und Tempo, Lautstärke oder welches Instrument gerade dominiert», erklärt Lilly Kahler. Dazu kommt noch der eigentliche Text. Es ist eine Höchstleistung, welche die beiden da vollbringen, und für einmal war wohl nicht Marc Sway die Hauptperson auf der Bühne. «Auch ich und die Band waren immer wieder versucht, rüber zu schielen, was da passiert», bestätigt er nach dem Konzert. Der Abend sei für ihn speziell gewesen: «Ich habe viele Dinge bewusster als sonst gemacht, mich aber auch weniger unter Beobachtung gefühlt, weil sich viel Aufmerksamkeit auf die Dolmetscherinnen konzentriert hat.»

Die ergänzende Übersetzung eines Konzertes ist an Gehörlose und Hörende gleichermassen gerichtet. Beide Gruppen sollen sich begegnen und Hörende einen Einblick in die so andere Welt bekommen. Vor Marc Sway haben schon Gölä, Patent Ochsner oder Bligg mit einer Gebärdensprachdolmetscherin auf der Bühne gestanden. Seit fünf Jahren macht MUX musikalische Anlässe wie Konzerte oder Musicals Hörbehinderten zugänglich.

Sehen muss Hören ersetzen

«Manchmal haben die anderen Mitleid, weil wir die Musik nicht hören können. Aber ein Konzert ist auch für uns ein Erlebnis», sagt Marzia Brunner. Gehörlose nähmen die Musik sehr wohl wahr: «Die Vibrationen im Boden oder über das Getränk im Pet-Becher, die Bewegungen der Sänger und Musiker, die Texte der Lieder – all das spüren und sehen auch wir.» Wenn das Hören eingeschränkt ist, wird das Sehen umso wichtiger. Das visuelle Element stehe im Vordergrund, so Brunner.

Sway präsentierte den rund 300 Zuhörern und -schauern eine Mischung aus Radiohits, Mundartsongs und Improvisiertem. Das ganze unterlegt mit einem breiten Grinsen und immer wieder unterbrochen von Anekdoten und Geschichten, die ebenfalls simultan übersetzt wurden. Das war für die Hörenden faszinierend und komisch zugleich und hätte allein schon für eine Bühnenshow gereicht.

Die gehörlosen Zuschauer waren ebenfalls begeistert. Viele tanzten und gebärdeten sogar mit. Die Zuhörer liess das Konzert mit Übersetzung beeindruckt und teilweise nachdenklich zurück. Denn wenn das Ziel einer Sensibilisierung auch erreicht wurde, so machte der Abend auch deutlich, wie wenig ein Hörender über die Welt der Gehörlosen weiss.

Erstellt: 08.11.2010, 07:58 Uhr

Joel Toggenburger ist gehörlos: Dennoch tanzt und gebärdet er mit. (Bild: Walter Pfäffli)

Gaby Hauswirth übersetzte Sways Texte in Gebärdensprache. (Bild: Walter Pfäffli)

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