Manchmal sind auch Burger arm dran

Bern

Bernburger und Sozialhilfeempfänger? Gibt es nicht, denken viele. Gibt es wohl, sagt Simone von Graffenried, Präsidentin der burgerlichen Sozialkommission.

Simone von Graffenried, Präsidentin der burgerlichen Sozialkommission, glaubt nicht, dass die Burgergemeinde die Sozialhilfe dereinst nicht mehr selber führt: «Das ist unsere wichtigste Aufgabe.»

Simone von Graffenried, Präsidentin der burgerlichen Sozialkommission, glaubt nicht, dass die Burgergemeinde die Sozialhilfe dereinst nicht mehr selber führt: «Das ist unsere wichtigste Aufgabe.»

(Bild: Beat Mathys)

Frau von Graffenried, gibt es überhaupt arme Bernburger?
Simone von Graffenried: Ja, es gibt durchaus arme Burger. Denn auch Burgerinnen und Burger geraten in schwierige Situationen. Sie werden arbeitslos, haben Suchtprobleme oder schwierige familiäre Verhältnisse. Solche Probleme machen nicht halt vor der Burgergemeinde.

Die Probleme, die der burgerliche Sozialdienst antrifft, sind also vergleichbar mit denjenigen in einer Einwohnergemeinde. Wie steht es mit der Sozialhilfequote?
Bei uns präsentiert sich die Situation nicht viel anders als in den umliegenden Gemeinden. Sicher ist die Burgergemeinde diesbezüglich nicht gerade mit Biel vergleichbar. Eher mit der Gemeinde Muri.

Eher Muri als Biel: Bei der tiefen Sozialhilfequote dürfte auch der Umstand eine Rolle spielen, dass ausschliesslich Schweizer Bürger das Burgerrecht haben.
Das ist so. Migrantinnen und Migranten haben ein tendenziell höheres Risiko, dass sie von der Sozialhilfe abhängig werden. Diese Gruppe fällt bei der Burgergemeinde weg.

Was aber nicht heisst, dass es keine Burger aus anderen Kulturkreisen gibt. Sie sind zum Beispiel durch Heirat Burger geworden.
Steht ein armer Burger finanziell besser da als ein armer Nichtburger? Ein Sozialhilfeempfänger der Burgergemeinde bekommt keine höheren Beiträge als ein Sozialhilfeempfänger einer Einwohnergemeinde. Hier halten wir uns an die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe. Wir versuchen aber, durch möglichst frühes Unterstützen ein Abrutschen in die Sozialhilfe zu vermeiden. Hier hat die Burgergemeinde doch einen etwas grösseren Spielraum als eine Einwohnergemeinde.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Die Burgergemeinde, beziehungsweise die zuständige Zunft, kann eine Überbrückungsfinanzierung bewilligen, damit jemand nicht in die Sozialhilfe gerät. Oder ein Stipendium für eine Ausbildung ausrichten, wenn es für eine Familie finanziell eng wird.

Der Sozialdienst der Burgergemeinde ist nicht komplett professionalisiert. Weshalb wählen die Zünfte noch immer Almosnerinnen und Almosner als Sozialhilfebeauftragte?
Sie sind die erste Anlaufstelle bei Problemen. Dank der Almosnerinnen und Almosner kann die Burgergemeinde eine persönlichere Begleitung und Beratung anbieten als eine Gemeinde. Die Almosner kommen aus den verschiedensten Berufen. Unter ihnen sind Pfarrer, Pflegefachfrauen oder Juristinnen – Personen, die hauptberuflich durchaus mit sozialen Fragen zu tun haben.

Dennoch sind Almosnerinnen und Almosner Laien. Sind sie nicht überfordert mit den Problemen, die heute im Sozialbereich auftreten?
Solche komplexen Fälle werden in den letzten Jahren mehr und mehr dem burgerlichen Sozialzentrum abgegeben. Die Burgergemeinde ermuntert die Gesellschaften und Zünfte auch dazu. Die Fälle werden gestützt auf ein Dienstleistungsverhältnis professionell betreut. Es ist sogar so, dass einzelne Gesellschaften und Zünfte ihre gesamten Fälle abgeben.

In welchen Bereichen handeln Almosner selbstständig?
Sie unterstützen zum Beispiel Klienten beim Eintritt ins Altersheim. Hilfe muss ja nicht in jedem Fall materiell sein. Oft geht es einfach darum, zuzuhören, da zu sein. Oder Almosner beraten jemanden, der Schulden hat. Solche niederschwelligen Hilfeleistungen sind nach wie vor gefragt. Dank der Almosnerinnen kann die Burgergemeinde sicher etwas bieten, was eine Gemeinde nicht bieten kann. Man weiss, wer in der Zunft Ansprechperson ist. Es ist persönlicher.

Das kann aber auch ein Nachteil sein – wenn die Almosner zu nahe dran sind.
Das kann vorkommen. Zum Glück haben wir für solche Fälle das Sozialzentrum. Es ist eine Ausweichmöglichkeit, die eine Gemeinde nicht hat. Es kommt auch vor, dass ein Zunftangehöriger nicht mit «seinem» Almosner über ein Problem sprechen möchte – vielleicht weil es ihm peinlich ist. Es kommt auch vor, dass die Almosnerin mit jemandem verwandt ist. Dann muss der Fall sowieso abgegeben werden.

Bis zur Einführung der kantonalen Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) im Jahr 2013 waren auch Laien in diesem Bereich tätig. Das ist extrem heikel.
Wenn es um das Kindeswohl und den Kindesschutz ging, hat man den Zünften schon vorher empfohlen, die Abklärungen vom burgerlichen Sozialzentrum machen zu lassen. Weil wir uns hier in der Tat in einem sehr heiklen Gebiet bewegen.

Böse Zungen behaupten: Die Burgergemeinde hat einen eigenen Sozialdienst, damit Probleme von Burgern nicht an die grosse Glocke gehängt werden müssen.
(lacht) Auch Sozialarbeitende in Gemeinden sind an die Schweigepflicht gebunden und müssen die Daten ihrer Klienten schützen. Weder bei der Burgergemeinde noch bei einer anderen Gemeinde geht Persönliches raus.

Gibt es bei der Burgergemeinde auch renitente Sozialhilfebezüger?
Es gibt Sozialhilfebezüger, die nicht zufrieden sind mit dem, was man ihnen bietet. Massive Drohungen gab es meines Wissens bisher zum Glück keine. Aber die Büros im umgebauten Burgerspital entsprechen trotzdem den neusten Sicherheitsanforderungen.

Kontrolliert die Burgergemeinde Sozialhilfebezüger, die sich nicht an die Regeln halten?
Die Kontrollmöglichkeiten sind gleich wie bei einer Gemeinde. Wir haben auch Verträge mit Sozialhilfeinspektoren. Auch die Arbeitsintegration handhaben wir gleich. Wir arbeiten zum Beispiel mit dem Kompetenzzentrum Arbeit der Stadt Bern zusammen.

Ist es denkbar, dass die Burgergemeinde irgendwann den ganzen Sozialdienst nicht mehr selber führt?
Ich denke nicht, dass die Burgergemeinde die Sozialhilfe abgeben würde. Das ist unsere wichtigste Aufgabe, die wir seit dem Ausscheidungsvertrag sehr gerne wahrnehmen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendeine der 13 Zünfte oder Gesellschaften das einfach so abgibt. Nicht reden kann ich für die fünf Burgergemeinden, welche ansonsten im Kanton Bern noch selber Sozialhilfe leisten.

Der burgerliche Sozialdienst arbeitet also gar nicht so anders als ein Sozialdienst einer Gemeinde.
Vieles funktioniert gleich. Aber manchmal hören wir schon, wir hätten es besser: Weil die Burgergemeinde weniger Fälle hat als eine Einwohnergemeinde, können unsere Sozialarbeitenden für den einzelnen Fall mehr Zeit aufwenden. In einer Gemeinde rechnet man mit 100 Dossiers auf eine 100-Prozent-Stelle. Bei uns ist die Dichte deutlich geringer.

Was ist aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren die grösste Herausforderung für den burgerlichen Sozialdienst?
Wir müssen sicher immer in engem Kontakt bleiben zum Kanton oder zur Stadt, damit wir uns frühzeitig auf Neuerungen vorbereiten können. So wie bei der Kesb. Wir müssen den Sozialdienst so führen, dass die Zünfte gerne bereit sind, ihre Fälle abzugeben. Dann ist die Professionalität in jedem Fall gewahrt.

Berner Zeitung

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