«Man muss sich um mich keine Sorgen machen»

Seit fünf Monaten studiert das Berner Physiktalent in Berkeley, USA. Manchmal gehe da recht die Post ab, findet er.

«Genau am richtigen Ort»: Julius Vering in San Francisco.

«Genau am richtigen Ort»: Julius Vering in San Francisco.

(Bild: zvg)

Jürg Steiner@Guegi

Im Moment sei es «recht locker, das neue Semester hat erst gerade angefangen», sagt Julius ­Vering (20). Es ist ein Februarmorgen in der kalifornischen Universitätsstadt Berkeley an der Bucht von San Francisco, und Vering musste sich gerade ein wenig sputen. Im Gebäude, in dem er schläft, fiel plötzlich das WLAN-Netz aus. Also rannte er kurz in ein nahe gelegenes Café, um via Skype über sein Leben an der Universität, die so viele Spitzenkräfte für die vibrierende Hightechindustrie der US-Westküste abliefert wie sonst keine Hochschule, zu erzählen.

Jetzt sieht man Vering, die weissen Kopfhörerknöpfe im Ohr, aufmerksam vor seinem Laptop sitzen. Der Geräuschpegel im Café mutet südländisch hoch an, was Vering keineswegs ablenkt. Vor knapp einem halben Jahr wechselte der ebenso begabte wie ehrgeizige Nachwuchsphysiker aus Bremgarten nach der Matur am Stadtberner Gymnasium Neufeld direkt an die kalifornische Eliteuniversität (wir berichteten). Ein höchst seltener Karrieresprung, vergleichbar mit einem Eishockeyspieler, der direkt aus dem Nachwuchskader des SC Bern in ein Spitzenteam der nordamerikanischen NHL transferiert würde.

Kaderschmiede fürs Valley

Vering will an der Bucht von San Francisco nicht bloss ein bisschen mitstudieren. Er schaffte die Aufnahme in den erst 2017 lancierten Spezialstudiengang «Management, Entrepreneurship and Technology», in dem pro Jahrgang aus wohl Tausenden von Bewerbern bloss 50 Studierende aufgenommen werden. In nur vier Jahren erwirbt man zwei Abschlüsse, einen in Ingenieurwissenschaften, den anderen als Jungunternehmer an der renommierten Haas-Business-School.

Man könnte auch sagen: Julius Vering absolviert die Kaderschmiede für künftige Spitzenkräfte des Silicon Valley.

Dafür, dass er an der Weltspitze mitmischen will, sieht Julius Vering die Dinge nach dem ersten Halbjahr im Mekka der technologischen Innovation ziemlich entspannt. Mit der Matur am Gymnasium Neufeld sei er bestens aufgestellt, sagt er: «Besonders in Mathematik stehe ich sehr gut da. Bis jetzt ist für mich recht viel Stoff Repetition.»

Schlafen im Kajütenbett

Klar, Julius Vering war kein Durchschnittsgymeler. Von der Schweizer Mindfire-Stiftung des Neurowissenschaftlers Pascal Kaufmann, der das menschliche Hirn entschlüsseln will, wurde Vering schon vor der Matur in einen handverlesenen Talentpool berufen. An nationalen Wissenschaftsolympiaden gewann er mehrere Goldmedaillen, im Rahmen der Begabtenförderung besuchte er bereits als Gymnasiast Physikvorlesungen an der Universität Bern. Die Matur bestand Julius Vering mit einem 6er-Schnitt.

In Berkeley aber kommt sich der Freshman, wie Studieneinsteiger genannt werden, nicht vor wie ein gehätschelter Nachwuchsstar. Eher wie ein junger Eishockeyprofi, dem auf dem Weg ins NHL-Team jegliche Anspruchshaltung ausgetrieben wird. «Ich führe ein klassisches amerikanisches Studentenleben», sagt Vering. Auf engem Raum. Er wohnt in einem «Dorm», einer Art Studentenheim, man schläft in Kajüten­betten zu zweit oder zu dritt pro Zimmer, das Bad ist auf dem Flur. Fit hält er sich mit Schwimmen und mit Work-outs im Gym.

Spass und Kaffee

In Verings Fokus steht Studieren im Spitzensportlermodus. Nicht nur im Hörsaal, sondern vor allem im wirklichen Business. «Das», sagt er, «ist der vielleicht grösste Unterschied zu einem Studium in der Schweiz.» Wie die meisten Berkeley-Hörer hat sich Vering einer Studentenorganisation angeschlossen, nicht zu verwechseln mit einer Studentenverbindung. Julius Vering ist bei Berkeley Consulting, einer von Studierenden betriebenen Unternehmensberatung, die für Kunden wie Samsung, Airbnb, Aston Martin oder The National Geographic arbeitet.

«Wir bringen die hellsten Köpfe auf dem Campus zusammen und nutzen sie, um Probleme der Realwelt zu lösen», lautet das Credo von Berkeley Consulting. Da gehe manchmal schon die Post ab, sagt Julius ­Vering, mitunter sei es ziemlich nützlich, dass man in Berkeley leicht zu sehr gutem Kaffee komme. Im Schnitt wende er 15 Wochenarbeitsstunden für die Firma auf, manchmal seien es aber auch 40. Man arbeite ehrenamtlich, die Geschäftseinnahmen würden, so Vering, in gemeinsame Ausflüge gesteckt und Workshops zur Weiterbildung. «Das macht richtig Spass», sagt der 20-Jährige, und die Joberfahrung, die er sich hier aneigne, sei unbezahlbar.

Am richtigen Ort

Klar, sagt Vering, sein Leben in Berkeley sei umweht von kalifornischem Aufbruchsgeist und Optimismus. Aber er erlaubt sich auch Zweifel: Vering hat gerade ein Buch über die Betrügerin Elisabeth Holmes gelesen, die mit ihrer Blutanalysefirma Theranos unzählige Investoren hinters Licht führte. Dass das einseitig wachstumsfixierte Silicon-Valley-Denken auch unter seinen Kommilitonen immer kritischer beurteilt werde, findet er «spannend». Natürlich vermisse er seine Eltern, seinen Bruder, seine Freunde in der Schweiz. Aber «für mich bin ich hier genau am richtigen Ort. Da besteht kein Zweifel.»

Kommt es vor, dass Julius ­Vering mal abhängt, im Ausgang über die Stränge schlägt? Auf dem Bildschirm erscheint ein breites Grinsen: «Man muss sich um mich keine Sorgen machen.»

Berner Zeitung

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