Lo & Leduc bestürzt über Drohungen gegen Funiciello

«079» von Lo & Leduc sei sexistisch, sagte Juso-Präsidentin Tamara Funiciello kürzlich – und wurde dafür aufs Übelste beschimpft. Nun geben ihr die Schöpfer des kritisierten Songs Rückendeckung.

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Christian Häderli@ChriguHaederli

«Wir sind bestürzt über die Beleidigungen und Drohungen gegen Tamara Funiciello»: In einem am Mittwochabend veröffentlichten Facebook-Post reden die beiden Berner Musiker Klartext und stellen sich damit hinter die Juso-Präsidentin, die ihren Song «079» zuvor als sexistisch bezeichnet hatte.

Es gelte, eine «Diskussion über den zweifellos vorhandenen Sexismus in unserer Gesellschaft zu führen», so Lo & Leduc weiter. Denn bisher drehte sich die Diskussion kaum um den Sexismus in der Gesellschaft, sondern vielmehr darum, inwiefern Funiciellos Aussage zum erfolgreichen Lo-&-Leduc-Song berechtigt war. Diese Debatte wiederum geriet heftig aus den Fugen.

Doch von vorne: Wie kam es überhaupt dazu, dass sich um Funiciellos Kritik an einem Mundart-Song ein dermassen heftiger Shitstorm anbahnen konnte?

Seit Anfang Jahr nisteten sich die Songzeilen dauerhaft in den Köpfen von tausenden Musikfans ein: Die eingängige Melodie, die runde Geschichte mit tragischem Ende, die im Song erzählt wird: «079» wurde 2018 zum ganz grossen Hit.

Kaum ein Festival, an dem die Fanmenge den Song nicht von Anfang bis Schluss begeistert mitsang, kaum eine Radiostation, die das Lied nicht rauf und runter spielte. «Tüüt, tüüt, tüüt, het si gseit», auf dem Spielplatz, im Einkaufszentrum, aus dem vorbeifahrenden Auto.

Eigentlich sollte es am Gurtenfestival ein Geheimkonzert werden – trotzdem drehten bei «079» tausende Fans durch. Video: Youtube/bakaramusic

Aus Protest gegen prügelnde Männer

Just als «079» auf dem Höhepunkt seiner Popularität angekommen war, wagte sich eine, den Song zu kritisieren: Tamara Funiciello hielt Mitte August auf dem Berner Bundesplatz eine Rede. Anlass dazu gaben die brutalen Übergriffe von Männern auf Frauen in Genf am 8. August.

In diesem Zusammenhang bezeichnete Funiciello «079» in einem Nebensatz als sexistisch, in einem Telebärn-Beitrag präzisierte sie: «Das Lied ist cool und nett, aber wenn man es genau reflektiert, hat es auch gewisse problematische Inhalte.»

Und auch: «Wir müssen uns fragen, ob wir solches Verhalten in unserer Gesellschaft wollen oder nicht, und auch, wo solches eigentlich hinführt.» Mit «solches Verhalten» meint Funiciello den im Lied besungenen verliebten Mann, der nicht locker lässt, um die Handynummer seiner Angebeteten herauszufinden.

Sofort griffen zahlreiche Medien die Thematik auf, die ganze Deutschschweiz diskutierte plötzlich darüber, ob Funiciellos «079»-Kritik berechtigt sei oder nicht – und zwar völlig losgelöst vom Kontext, in dem Funiciello ihre Songkritik ursprünglich angebracht hatte: Der Gewalt von Männern gegenüber Frauen in Genf.

Niemand, der den Song nicht kennt: Am Gurtenfestival 2018 kannten wirklich alle den Text zum Überhit auswendig. Video: Youtube/SRF 3

Lo & Leduc selber zeigten Verständnis für Funiciellos Sicht: «Wir finden es gut und wichtig, dass Themen wie Sexismus, Gleichberechtigung und Respekt diskutiert werden», sagten sie gegenüber dem Onlineportal Nau.ch. Aufgrund seiner Bekanntheit biete sich der Song als Vehikel für Themen an. Sie freuten sich, dass ihr Lied zu einer konstruktiven Debatte beitrage.

Hass und Drohungen

Das Unschöne an dieser Debatte: Funiciello wurde auf Social Media und in den Kommentarspalten von Onlineportalen heftig und auf tiefem Niveau angegriffen, beleidigt und bedroht.

Als Reaktion auf die enorme Popularität des Songs veröffentlichten Lo & Leduc Anfang August einen offiziellen Videoclip. Video: Youtube/bakaramusic

Mit einer Karikatur der Schaffhauser Nachrichten wurde zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. Darauf ist Tamara Funiciello zu sehen, wie sie nackt auf einer Bühne steht und Lo & Leduc ihre Handynummer ins Gesicht brüllt.

Es ist jene Gehässigkeit und Niveaulosigkeit der Diskussion, die Lo & Leduc nun dazu bewegt haben, erneut Stellung zu beziehen: «Die bösartigen Reaktionen auf Funiciellos Vorstoss zeigen einen grossen Handlungsbedarf auf», schreiben sie auf Facebook. Und: «Gerade dadurch wird deutlich, dass Sexismus und sexistische Stereotypen hierzulande sehr real sind.»

Berner Zeitung

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