«Lieber ein unterirdisches, als gar kein Bett»

Bern

Ein Web-Video soll zeigen, wie dreckig es in der Notunterkunft Hochfeld in der Berner Länggasse ist. An einer spontan einberufenen Führung relativieren der Leiter der Anlage und der kantonale Migrationsdienst.

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Ein Video im Internet soll zeigen, dass es in der Notunterkunft Hochfeld in der Berner Länggasse alles andere als sauber ist. Ein Asylsuchender habe es Ende Juli aufgenommen und an die Gruppe «Menschlicher Umgang mit Flüchtlingen» weitergereicht. Diese publizierte es daraufhin auf ihrer Website.

Im Video sind die Innenräume der unterirdischen Zivilschutzanlage zu sehen, die vorübergehend Asylsuchende beheimatet. Waren bislang nur Probleme mit Bettwanzen in der Anlage bekannt, zeigt das Video einen neuen Einblick: In den Schlafräumen haben sich an der Decke schwarze Flecken gebildet, im Waschraum staut sich das Abwasser und in den Toiletten ist der Boden mit Fäkalien verdreckt.

Führung gegen schlechten Ruf

Auch der kantonale Migrationsdienst ist auf das Video gestossen und hat kurzerhand beschlossen, am Freitag eine Führung durch die Asylunterkunft zu veranstalten. Iris Rivas, Leiterin des Migrationsdienstes, und Michel Jungo, Leiter der Asylunterkunft, betonten dabei, dass das Videomaterial nicht den Normalzustand wiedergebe. Bis auf die schwarzen Brandflecken an der Decke ist alles verschwunden. Ein Asylsuchender habe versucht, eine Bettwanze mit dem Feuerzeug zu töten, meint Jungo.

Die Bettwanzen sind denn auch das grosse Problem. Doch nicht nur die Unterkunft im Hochfeld habe gegen die Ungeziefer zu kämpfen, sagt Jungo. «Auch andere Asylzentren schweizweit kennen das Problem.» Die Betreiber arbeiteten mit Spezialisten zusammen und sorgten mit Durchgangsschleusen vor. Die Kleider der Neueintretenden würden bei 60°C gewaschen und andere Gegenstände bei minus 20°C gefroren.

Dreimal pro Tag werden die Sanitäranlagen geputzt – von den Flüchtlingen selbst, angeleitet durch das Betreuerteam. Das gehöre zum Konzept der Betreiber, erklärt Jungo. Das Workfair-Programm biete den Asylsuchenden eine sinnvolle Beschäftigung, was für die Leute in der Anlage sehr wichtig sei.

Fehlende Kenntnisse im Umgang mit Sanitätsanlagen

Einige Asylsuchende würden aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Kultur den Umgang mit europäischen Sanitätsanlagen noch nicht kennen, so Rivas. Dieser werde den Asylsuchenden am Anfang beigebracht.

Mit der unterirdischen Anlage sind jedoch sowohl Jungo wie auch Rivas nicht so ganz zufrieden. Es sei eine Übergangslösung, bis eine oberirdische Anlage gefunden werden kann. Die Unterbringung von Asylsuchenden in Gebäuden, die von Privatpersonen angeboten werden, gestalte sich als schwierig.

Riedbach als Möglichkeit

«Es ist ein stetes Verhandeln», sagt Rivas. Neben den hohen Entschädigungen, die Privatpersonen verlangten, seien auch die Abklärungen, die im Vorfeld anfallen, oft sehr umfangreich. Beim Migrationsdienst suche man deshalb zusammen mit den Stadtbehörden nach anderen Lösungen für die oberirdische Unterbringung in der Stadt Bern.

«Wir denken dabei zum Beispiel an die Möglichkeit, ob beispielsweise die neugeschaffene Parzelle für alternatives Wohnen in Riedbach in Zusammenarbeit mit den Stadtnomaden genutzt werden könnte», so Rivas. Und doch sei man beim Kanton um jeden Platz froh: «Lieber ein unterirdisches Bett, als gar kein Bett.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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