Bern

Klingel und Muskelkraft statt Treppenlift

BernDie Stadtbauten sind trotz Einsprache fest entschlossen: Beim Bärenpark gibt es für Behinderte einen Treppenlift. Eine teure Alibiübung, kritisiert ein Rollstuhlfahrer. Eine einfache Klingel wäre viel billiger und nützlicher.

Ein Treppenlift für Behinderte im Bärenpark bringt nichts, finden Behindertenorganisationen. Stattdessen
soll eine Klingel installiert werden.

Ein Treppenlift für Behinderte im Bärenpark bringt nichts, finden Behindertenorganisationen. Stattdessen soll eine Klingel installiert werden. Bild: Andreas Blatter

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«Man sitzt auf einer Plattform, die dann langsam und holprig der Treppe entlang hinauf- oder hinunterfährt.» So schildert der Rollstuhlfahrer Walter Schurter die Fahrt mit einem Treppenlift. Das Gefühl dabei: «Wie wenn man auf einem wackligen, flachen Teller präsentiert würde.» Kein Wunder hat Walter Schurter bei längeren Fahrten auf einem Treppenlift im Freien ein mulmiges Gefühl. Genau solche mulmigen Gefühle könnten den Könizer künftig auch im Berner Bärenpark erwarten. Denn die Stadtbauten wollen entlang der Treppe, die zum Klösterliareal führt, einen Treppenlift bauen. Der Behindertenverband Procap hat zwar Einsprache gegen die Pläne gemacht. «Wir werden an diesem Projekt festhalten», bekräftigte gegenüber der «Berner Zeitung» die Sprecherin der Stadtbauten, Nina Susedka.

«Praktisch unzugänglich»

Procap will mit seiner Einsprache erreichen, dass die Stadt eine bessere Lösung sucht. Denn nicht nur Walter Schurter findet lange Treppenlifte im Freien ungeeignet. Herbert Bichsel, Geschäftsleiter der Behindertenkonferenz Stadt und Region Bern, sagt: «Ein Treppenlift ist nur ein Feigenblatt. So bleibt der Bärenpark für Behinderte praktisch unzugänglich.»

Bereits der Zugang zum Treppenlift auf halber Höhe des Klösterlistutzes böte für viele Behinderte eine unüberwindbare Hürde: «Rollstuhlfahrer können die steile Strasse weder von der Nydeggbrücke noch von der Aare her ohne fremde Hilfe befahren», erklärt Walter Schurter. Die Stadtbauten sehen deshalb auch gar nicht vor, dass behinderte Besucher selbstständig mit dem Bus anreisen und dann von der Nydeggbrücke her kommen. Der Zugang zum Treppenlift ist nur geeignet für Behinderte, die mit dem Auto kommen. Für die Fahrzeuge sind auf dem Klösterliareal Behindertenparkplätze geplant.

Personal soll helfen

Gegenüber der heutigen Situation sei ein Treppenlift allemal besser, betonen die Stadtbauten. Walter Schurter hingegen widerspricht: Ein solcher Lift sei eine Alibiübung. Seine eigenen Erfahrungen zeigen: «Treppenlifte im Freien sind oft kaputt, oder der Schlüssel ist plötzlich weg. Ich weiss auch von Treppenliften, die kaum je genutzt wurden und fast im Neuzustand wieder abmontiert worden sind.»

Sein Vorschlag: Statt 150'000 Franken für einen nutzlosen Treppenlift auszugeben, würde die Stadt das Geld besser in eine Klingel mit Gegensprechanlage investieren. Behinderte könnten dann bei Bedarf eine Aufsichtsperson des Bärenparks rufen und sich auf dem steilen Wegstück zwischen Aareufer und Nydeggbrücke helfen lassen. Es müsste nur noch der kurze Teil des Uferweges bis zur Treppe mit einem rollstuhlgängigen Belag versehen werden.

«Offen für Exotisches»

Diesen Vorschlag will Nina Susedka von den Stadtbauten nicht kommentieren, «weil wir bereits zahlreiche Möglichkeiten geprüft haben.» Sie betont aber: «Wir sind offen für praktische oder exotische Lösungen, sofern diese von Behindertenverbänden eingebracht werden.» Als Nächstes wird der Regierungsstatthalter entscheiden, ob er den Stadtbauten eine Baubewilligung für den Treppenlift erteilt, oder ob er die Einsprache von Procap gutheisst. Das Projekt eines Hanglifts ist vom Tisch. So ein Lift würde laut den Stadtbauten mindestens 1,8 Millionen Franken kosten – mit dem Risiko, dass dieser Betrag wie bereits beim Bärenpark wegen unvorhersehbarer Probleme am instabilen Hang noch beträchtlich höher ausfallen könnte.

Schräglift am günstigsten

Am einfachsten und letztlich wohl auch am günstigsten wäre es gewesen, wenn ein Schräglift für Behinderte gleich zusammen mit dem Bärenpark gebaut worden wäre, ist Walter Schurter überzeugt. Dieser Meinung ist auch der Architekt Joe A.Manser, Geschäftsführer der Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen. Für Manser ist auch klar: Mit dem Argument, ein Lift sei zu teuer, könne sich die Stadt auch nicht nachträglich aus der Pflicht stehlen, einen öffentlichen Ort wie den Bärenpark so zu bauen, dass er für Behinderte zugänglich ist.

Ob das Bundesgesetz zur Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen die Stadt jedoch dazu verpflichtet, den Zugang bis zum Aareufer hindernisfrei zu gestalten, ist eine Frage der Auslegung und Anwendung des Gesetzes. Denn im oberen Bereich – beim alten Tramdepot – ist der Bärenpark behindertengerecht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.05.2012, 08:20 Uhr

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