Bern

Kämpfs und der Flamenco

BernManuela Kämpf hat ein Flamenco-Studio an der Berner Rathausgasse. Ihre Tochter Rahel tanzt mit ihr, seit sie 6 Jahre alt ist. Die beiden im Porträt der Serie Besonders.

Mehr besondere Menschen aus Bern und Region finden Sie in diesem Dossier.

Als Rahel Kämpf 6 Jahre alt war, erhielt ihre Mutter ständig faszinierenden Besuch. Von Frauen in bunten Kleidern, wallenden Schleppen und fransigen Tüchern. Dazu trugen sie Blumen im Haar, einen Fächer in der Hand und Absätze an den Schuhen. Und immer, wenn sie vorbeikamen, erklangen bald darauf leidenschaftliche Musik in einer fremden Sprache und energisches Stampfen aus dem Keller, der damals noch Manuela Kämpfs Tanzstudio war.

«Welches kleine Mädchen wäre da nicht hin und weg gewesen», schwärmt Rahel Kämpf noch heute. Ihre beiden älteren Geschwister liess das Tanzen zwar kalt. Aber Rahel begann mit Flamencounterricht bei ihrer Mutter Manuela im zarten Alter von 6. Mittlerweile ist sie 23 und tanzt nicht mehr zu Hause. Sondern in der Berner Rathausgasse, der Berner Flamencomeile, wie Manuela Kämpf sie lachend nennt.

Denn nebst ihrem Studio gibt es hier noch etliche andere, die sich auf den andalusischen Tanz spezialisiert haben. Jeden September organisiert Jeden September organisiert sie die Fiesta Flamenca im Schloss Köniz – ein buntes Tanzfest, an dem die Schülerinnen und Schüler auf der Bühne mit einem Livegitarristen und -sänger zeigen, was sie während des Jahres gelernt haben.

Andächtiges Stampfen

An der Rathausgasse hingegen läuft Flamenco underground – in den Kellern. Eine steile Treppe führt bei der Metzgerei Grunder hinunter ins Flamencostudio Manuela. Rund siebzig Schülerinnen und Schüler unterrichtet die 54-Jährige hier pro Woche.

Der gewölbte Sandsteinkeller ist mit einem gefederten Holzboden ausgelegt, damit die mit Nägeln bestückten Schuhe schön knallen, ohne dass die Schläge für die Tänzerinnen zu hart werden. Direkt neben der Treppe hängen Schleppen und Tücher an einer Garderobe, liegen Fächer und Hüte – jene Utensilien, die Klein Rahel einst so faszinierten.

«Man muss tanzen, als würde man einen Sack Kartoffeln ausschütten.»Manuela Kämpf?
Flamencotänzerin

Gitarrenmusik erklingt. Eine jammernde Männerstimme hebt zum ersten Lied an, singt auf Spanisch von Freud und Leid. Nebst Manuela und Rahel beginnen drei weitere junge Frauen im Takt zu wippen. Alle haben sie als Knirpse den Unterricht zusammen mit Rahel bei Manuela begonnen.

Diesen erfahrenen Tänzerinnen zuzuschauen, ist eine Augenweide. Da fliegen Schleppen, schnappen Fächer auf und zu, wirbeln Tücher um Arme und Hälse. Die Füsse stampfen mal andächtig, dann immer schneller, lassen den Rhythmus zum ohrenbetäubenden Statement anschwellen. Mit einem Schlag ist es wieder ruhig. Was bleibt, ist bloss ein verwegener Blick in Richtung Spiegel.

Ein Wink mit dem Fächer

Der Tanz der Gitanos gehört mittlerweile zum Unesco-Weltkulturerbe. Er hat unter anderem orientalische Einflüsse. Vieles habe man einst ausgedrückt mit Flamenco, weiss Manuela Kämpf. Sogar die Bewegungen der Finger hatten ihre Bedeutung. In einer Zeit, in der Frau und Mann ihre Avancen kodieren mussten, diente manchmal ein Wink mit dem geschlossenen Fächer als Zeichen für den Ort eines geheimen Treffens.

Fast jede Stadt in Andalusien hatte ihren eigenen Gesang oder Tanz. Manche davon sind traurig, andere fröhlich. «Das ist das Tolle an Flamenco. Ich kann ausdrücken, was ich den Tag hindurch erlebt habe», sagt Rahel Kämpf. Ausserdem liebe sie die offene und herzliche andalusische Kultur, die sie auf den Reisen mit ihrer Mutter immer wieder erlebe.

Mit Flamenco aufzuhören, könnte sie sich niemals vorstellen. Er gehört zu ihrem Leben, sie hat ihre Maturaarbeit darüber verfasst und vertritt ab und an ihre Mutter, wenn die gerade nicht unterrichten kann. Dennoch war der Tanz für eine Weile mal nicht mehr ganz so cool. «Als Teenager hast du jeweils gedroht, mit dem Flamenco aufzuhören, wenn wir Krach hatten», erinnert sich Manuela. Rahel lacht. «Ja, weil ich wusste, wie wichtig es dir ist, dass ich Flamenco tanze.» Damals interessierte sie sich tatsächlich mehr für Ballett und Contemporary Dance – doch der andalusische Tanz liess sie nie ganz los.

Kartoffeln ausschütten

«Manchmal beneide ich dich ein bisschen», gesteht Manuela Kämpf und wirft einen Seitenblick auf ihre Tochter. «Du tanzt viel besser als ich in deinem Alter.» Denn anders als ihre jüngste Tochter hat Manuela erst mit 18 zum Flamenco gefunden. Zuvor ging sie ins Ballett, doch das war ihr zu geziert und zu engstirnig.

Den andalusischen Tanz lernte sie just bei Ursula Kohler kennen, von der sie später das Studio übernehmen durfte. Immer wieder reiste sie nach Spanien, um sich bei den besten Lehrern weiterzubilden – und lernte nebst dem Tanz auch die Sprache und das Singen der Stücke. «Zuvor hatte ich überhaupt keinen Bezug zu Spanien – auch wenn ich vielleicht so wirke mit meinen dunklen Haaren und meinem Vornamen.»

Am Flamenco fasziniert sie das Erdige, ein bisschen Dreckige. «Man muss tanzen, als würde man einen Sack Kartoffeln ausschütten.» Zudem könne jeder Flamenco tanzen. Ihre Schülerinnen – und ein paar wenige Schüler – sind zwischen 5 und 75 Jahre alt. «Man muss auch nicht Spanierin sein oder gar aus Andalusien stammen. Eine Schweizerin kann ebenso schön Flamenco tanzen.» Wichtig sei ein persönlicher Ausdruck, den man beim Tanzen zeige.

Die zweite Leidenschaft

Von Haus aus ist Manuela Kämpf Primarschullehrerin. Lange Zeit hat sie nicht auf ihrem Beruf gearbeitet, sondern sich voll und ganz auf den Flamenco konzentriert. Seit dem letzten Schuljahr unterrichtet sie als Teilpensenlehrerin in Ostermundigen. «Es ist sehr schwierig, sich als Tänzerin und Tanzlehrerin eine ausreichende Altersvorsorge aufzubauen», begründet sie. Der Unterricht im Schulzimmer sei zwar bereichernd, aber auch anstrengend. Den Abend dann im Tanzstudio zu verbringen, wo die Kinder sie am Anfang der Stunde vor lauter Übermut umarmen, ist für sie ein willkommener Ausgleich.

«Es macht einfach Spass, mit Kindern zu arbeiten. Sie geben so viel zurück, so viel Dankbarkeit. Und man kann ihnen etwas mit auf den Weg geben.» Das sagt nicht etwa Manuela, sondern Rahel. Denn die Pädagogik ist nebst dem Flamenco die zweite Leidenschaft, die sie mit ihrer Mutter teilt. Sie absolviert zurzeit die Ausbildung zur Primarlehrerin an der NMS in Bern. Bald steht ihre Bachelorarbeit an. Worum es darin geht? Um Flamenco natürlich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.01.2019, 10:39 Uhr

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