Bern

«Jüdische Frauen sind nicht passiv»

BernWelche Rolle hat die Frau im Judentum? Das ist ein Thema am europäischen Tag der jüdischen Kultur, der am Sonntag gefeiert wird. Ein Interview mit der Historikerin Gaby Knoch-Mund.

Eine jüdische Tradition: Gaby Knoch-Mund zündet die Kerzen an.

Eine jüdische Tradition: Gaby Knoch-Mund zündet die Kerzen an. Bild: Urs Baumann

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Wie sieht ein jüdischer Gottesdienst in Bern aus? Bezogen auf die Rolle der Frau.
Gaby Knoch-Mund: Der Gottesdienst in der Jüdischen Gemeinde Bern folgt dem orthodoxen Ritus. Er wird vom Vorbeter, dem Chasan, geleitet. Männer und Frauen sitzen getrennt, die Frauen folgen dem Gebet von der Empore aus.

Warum sind Frauen zur Passivität während des Gottesdienstes verknurrt?
Frauen sind nicht passiv. Sie leiten den Gottesdienst zwar nicht, aber sie singen, beten und denken mit.

Werden durch diese Rollenverteilung die Frauen nicht unterdrückt?
Unterschiedliche Rollen bedeuten nicht Unterdrückung. Bern ist eine der offensten Einheitsgemeinden in der Schweiz. Sie wurde drei Jahre in Folge von Frauen präsidiert.

Ist die räumliche Trennung von Mann und Frau im Gottesdienst noch zeitgemäss?
Es geht nicht darum, ob es zeitgemäss ist. Die Gemeinde Bern bestimmt demokratisch, wie der Gottesdienst abgehalten wird.

Gibt es auch Gottesdienste, wo Frauen eine tragende Rolle einnehmen können?
Ja, an der Bar-Mizwa und am Frauengottesdienst. Regelmässig findet am Schabbat ein Frauengottesdienst statt. Er wird von Frauen geleitet. Sie lesen dann auch aus der Thora, den fünf Büchern Mose.

Können Frauen nicht auch reguläre Gottesdienste führen?
Ja, sicher. In liberal oder konservativ geführten Gemeinden. In Zürich, Basel und Genf gibt es auch liberale Gemeinden. Eine Rabbinerin amtet teilzeitig in Basel.

Sie sind selber sattelfest in der Liturgie. Reizt es Sie nicht, einen Gottesdienst zu leiten?
Ich habe schon Frauengottesdienste geleitet. In einem regulären Gottesdienst ist das in Bern nicht möglich. Das ist für mich in Ordnung. Ich bin zufrieden mit meinen Aufgaben an der Universität und im Jüdischen Museum.

Hadern manche Frauen mit den Regeln im Gottesdienst?
Natürlich. Diese Frauen sollen das Gespräch suchen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zum Judentum und zur Gemeinde zugehörig zu fühlen. Zum Beispiel durch ein kulturelles oder gesellschaftliches Engagement.

Machen sich auch Frauen für eine traditionellere Rolle der Frau in der Gemeinde Bern stark?
Viele Frauen sind zufrieden und möchten nichts ändern. Man kann Judentum unterschiedlich leben, sehr religiös und dennoch emanzipiert sein. Das ist kein Widerspruch.

Was bedeutet die religiöse Rollenverteilung für Liebesbeziehungen?
Auf diese Frage gibt es keine Pauschalantwort. Jedes Paar muss den Stellenwert der Religion in der Beziehung selbst definieren.

Welche Regeln gelten für Frauen ausserhalb des Gottesdienstes?
Die Frau zündet zu Beginn des Schabbats die Kerzen an. Es gibt eine Reihe weiterer Regeln. Sie betreffen die Sexualität, die Menstruation und das rituelle Tauchbad.

Gibt es jüdische Traditionen, welche die Position der Frau stärken?
Es gibt zum Beispiel den Ehevertrag, die Ketubba, die aus dem Mittelalter stammt. Sie regelt die Pflichten des Mannes gegenüber seiner Frau und legte damit sehr früh die Rechte der Frau fest.

Was wird die Zukunft bringen? Wann tritt die erste Rabbinerin in Bern ihr Amt an?
Das ist nicht das Ziel und auch nicht der Gradmesser für die Akzeptanz der Frauen in Bern.

Gaby Knoch-Mund ist Studienleiterin am Historischen Institut der Uni Bern, Direktorin des Jüdischen Museums Schweiz sowie Mitglied der Jüdischen Gemeinde Bern.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2014, 09:59 Uhr

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