Lidl zieht in den Loeb – Orell Füssli muss raus

Bern/Biel

Der deutsche Discounter Lidl eröffnet in den Untergeschossen der Loeb-Warenhäuser in Bern und Biel je eine neue Filiale. In Bern muss dafür die Buchhandlung Orell Füssli weichen – sehr zum Frust der Betreiber.

An zentraler Toplage: Ab 2022 wird Lidl im Untergeschoss des Berner Loeb-Warenhauses eingemietet sein – dort, wo sich heute die Orell-Füssli-Buchhandlung befindet.<p class='credit'>(Bild: Franziska Rothenbühler)</p>

An zentraler Toplage: Ab 2022 wird Lidl im Untergeschoss des Berner Loeb-Warenhauses eingemietet sein – dort, wo sich heute die Orell-Füssli-Buchhandlung befindet.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Michael Bucher@MichuBucher

Damit haben die Bernerinnen und Berner mit Sicherheit nicht gerechnet: In Zukunft werden sie in den beiden Untergeschossen des Loeb nicht mehr in Büchern schmökern, sondern sich mit Lebensmitteln eindecken können. Das Berner Warenhaus verkündete gestern, dass ab Januar 2022 Lidl den Buchhändler Orell Füssli als Mieter ablösen wird. Bereits diesen Juli wird der Discounter im Loeb in Biel einziehen. 3 Millionen Franken will Lidl in beide Standorte investieren.

Lidl werde in Bern ein «Vollsortiment aus Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs» anbieten, heisst es in der gestrigen Medienmitteilung der Loeb-Gruppe. Ein Warenhaus mit einem vollständigen Lebensmittelangebot im Untergeschoss sei eine im In- und Ausland bewährte Kombination, argumentiert das Unternehmen.

Nimmt das qualitätsbewusste Loeb-Image nicht Schaden, wenn sich ein Discounter einmietet? Die Konsumentinnen und Konsumenten hätten heute vielfältige Bedürfnisse, heisst es bei der Loeb-Gruppe. Sie spricht von «hybriden Konsumenten». Diese kaufen beispielsweise preiswertes Waschmittel, leisten sich aber gleichzeitig schöne Lederhandschuhe. Nur eben: Bücher wird es im Warenhaus an der Spitalgasse künftig keine mehr geben.

Umsatz geht zurück

Loeb erhofft sich mit dem Einzug von Lidl, die Kundenfrequenzen zu erhöhen, wie das Unternehmen in seiner Medienmitteilung festhält. Mehr Besucher kann das stolze Berner Unternehmen in der Tat gebrauchen. 2016 fuhr es einen Verlust von 4,6 Millionen Franken ein. Zuvor hatte die Loeb-Gruppe letztmals 2008 rote Zahlen geschrieben. Was folgte, war ein Sparprogramm. Ein Jahr später gelangte man zwar wieder in die Gewinnzone, der Umsatz ging trotzdem weiter zurück.

Es sollen nicht nur mehr Kunden angelockt werden, diese sollen auch länger bleiben. Darauf arbeitet die Loeb-Gruppe seit einem Jahr hin, als sie mit ihrem Umbau begann. Das in die Jahre gekommene Warenhaus soll Stück für Stück zur Erlebniswelt werden – samt Showküche, Nähcafé, Kinderhort, Bars und anderen Gastroangeboten. Auch im Lebensmittel-Loeb gleich gegenüber bleibt kein Stein auf dem anderen. Dort soll nach Vorbild der einstigen Markthalle eine Kombination aus Handel und Gastronomie entstehen.

Lidl klopfte bei Loeb an

Nicht nur die Berner Bevölkerung erlebte gestern mit dem Lidl-Einzug eine Überraschung. Auch Orell Füssli zeigte sich verdutzt. Die Schweizer Traditionsbuchhandlung, welche heuer ihr 500-jähriges Bestehen feiert, hätte nämlich ihren 2022 auslaufenden Mietvertrag verlängern wollen. «Seit Mitte 2018 haben wir Verhandlungen für die frühzeitige, langfristige Verlängerung des Mietverhältnisses geführt», sagt Mediensprecher Alfredo Schilirò.

«Der Entscheid hat uns überrascht, da dafür keine Anzeichen bestanden, und wir bedauern ihn sehr.»Alfredo Schilirò?Mediensprecher Orell Füssli

In dieser Zeit muss auch Lidl bei der Loeb-Gruppe angeklopft haben. Der Discounter habe aktiv das Gespräch gesucht, meinte das Berner Unternehmen auf Anfrage. Schilirò sagt: «Der Entscheid der Loeb-Gruppe hat uns überrascht, da dafür keine Anzeichen bestanden, und wir bedauern ihn sehr.» Aus betriebswirtschaftlicher Sicht könne er den Entscheid jedoch nachvollziehen, schiebt er schon fast diplomatisch nach.

Neben der Buchhandlung im Loeb-Warenhaus betreibt Orell Füssli in Bern noch das Traditionshaus Stauffacher und eine kleine Filiale am Hauptbahnhof. Drei Jahre hat das Unternehmen nun Zeit, einen Ersatzstandort zu finden. Hoffnung setze man etwa in den Bahnhofumbau und die Möglichkeiten, die daraus entstünden, so Schilirò.

«Meilenstein» für Lidl

Lidl ist mit dem Einzug ins Loeb-Warenhaus zweifellos ein Coup geglückt. Zwar eröffnen im Gäbelbach und in Ausserholligen demnächst die ersten beiden Lidl-Filialen in Bern. Doch verfolgt die deutsche Discounterkette eigentlich ein anderes Ziel: das Vordringen in die Innenstädte.

Dass dies jetzt in Bern an so prominenter Lage gelingt, sei ein «Meilenstein» dieser neuen Strategie, schreibt das Unternehmen in seiner Mitteilung. Bereits Ende 2017 gelang es Lidl, in die Zürcher Innenstadt vorzudringen, und zwar ins historische Fraumünster-Gebäude. Das Vorgehen beim Ausbau der dortigen Stadtfiliale solle als Vorbild für die Niederlassung im Loeb dienen.

Berner Zeitung

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