Ivo Adam zeigt die Casino-Baustelle

Das Bild der Zerstörung täuscht: Kultur-Casino-Geschäftsführer Ivo Adam zeigt, wie die Bernburger ihren Prunkbau in neuem altem Glanz erstrahlen lassen wollen: Sie setzen auf die Ursprünge des ­110-jährigen Gebäudes.

Das Kulturcasino ist derzeit in Umbau. Eine Begehung mit Starkoch Ivo Adam. Video: Claudia Salzmann

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Ein weisser Baustellenzaun verdeckt die Sicht auf die grösste Baustelle in der Berner Altstadt und dämmt den Lärm der Presslufthämmer. Das ist gut so. Denn manchen treuen BSO-Abonnenten träfe derzeit beim Anblick seines geliebten Kultur-Casinos vielleicht der Schlag. Der Bau ist nicht wiederzuerkennen. Trümmer, Scherben, Staub. Viel Staub. Was macht hier die Burgergemeinde bloss mit ihrem Prunkbau? Sie saniert. Und sie tut es gründlich.

Starkoch Ivo Adam, in seiner neuen Funktion Geschäftsführer des Kultur-Casinos, führt uns durch den Ort der Zerstörung. Wir stehen im Restaurantbereich des Parterres. Hier wurden Mauern durchgebrochen und die ­Zwischendecke heruntergerissen. «Wir holen die Architektur der Jahrhundertwende zurück.» Das Kultur-Casino wurde von 1906 bis 1908 von Paul Lindt und Max Hofmann erbaut. Seither wurde viel Stückwerk betrieben. «Besonders das Erdgeschoss wurde nach und nach verunstaltet.» Grosszügig, offen und übersichtlich soll das Kultur-Casino künftig wieder sein.

Das Ratsstübli wird dem grossen Restaurantsaal zugeschanzt, zugemauerte Fenster werden geöffnet, so, wie es ursprünglich war. Wo die Zwischendecke eine nachträglich eingebaute Lüftung verdeckt hat, sind Teile der Stuckatur von damals zu sehen. Heute lässt sich die Haustechnik viel schlanker in den Wänden verbauen. Das schafft Platz und Luft im vormals zugestellten Kultur-Casino. Zu sehen ist auch bräunliche Farbe. «Das ist nicht von den Rauchern, das ist Gold», sagt Ivo Adam. Von der Stuckatur hat man Abdrücke anfertigen lassen, damit sie rekonstruiert werden kann. Das Restaurant wird künftig deutlich höher und deutlich edler daherkommen. «Wir wollen die Emotionen von früher ins Heute bringen.»

Ivo Adam denkt in Emotionen. Nicht dass er ein über alle Massen «gspüriger» Mensch wäre. Aber er ist überzeugt: Kultur und Gastronomie leben davon. Die Emotionen will er über die Erneuerung im Kultur-Casino erzeugen. «Die Innenarchitektur wird dem Ehrwürdig-Historischen einen neuen Drift geben für die nächsten hundert Jahre.»

Der Umbau soll kompatibel für die Zukunft sein, das ist eines der obersten Ziele der Burgergemeinde. «Wir bauen hier an einem Chamäleon», sagt Adam auf dem Weg nach oben, «das Casino muss flexibel einsetzbar sein.» Das betrifft vor allem unsichtbare technische Vorkehrungen. Es braucht genügend Stromanschlüsse und Aufhängeeinrichtungen, besonders in den Konzertsälen. «Wir schaffen die Möglichkeit, die Säle mit wenig Aufwand technisch umzurüsten.» Künftig wird es bei Bedarf möglich sein, verstärkte Konzerte zu veranstalten. Von dieser Möglichkeit wird das Berner Symphonieorchester aber nicht Gebrauch machen.

Im grossen Konzertsaal sieht es aus wie in einem verlassenen Theater von Detroit. In der einst blühenden Stadt im Norden der USA verlottern die ungenutzten Häuser. Hier sieht es nur so aus. Die Stühle sind aus dem Parkett verschwunden, die zwei Kronleuchter stehen in schützende Bretterwände eingehüllt am Boden. Dort, wo die Bühne stand, klafft ein grosses Loch. Aus den Mauerfragmenten lugt ein Schilfbündel hervor. «So hat man früher isoliert», sagt Adam. Im Keller stiess man auch auf Asbest, das man aufwendig abbauen musste. «Damit haben wir gerechnet.» Das ursprüngliche Einspielzimmer hinter der Bühne war zugestellt durch Lüftungsanlagen, es wird wiederhergestellt.

Im grossen Konzertsaal wird die Bestuhlung erneuert, auch der Boden wird ersetzt. «Das Parkett war schon so oft abgeschliffen worden, dass an einigen Stellen schon Löcher ausgebessert waren», sagt Adam. In den nächsten Tagen werden die Leuchter abtransportiert und revidiert. Vielleicht lassen sie sich auf LED-Lampen umrüsten, derzeit prüfen Experten diese Option.

«An erster Stelle steht aber, dass wir dieselbe Emotion wie vorher erzeugen können», sagt Ivo Adam. Auch auf der Terrasse muss die Gefühlslage stimmen. «Hier habe ich plötzlich realisiert: Diese Bäume sind zu hoch!» Sie verdecken den Blick auf das Kirchenfeld, den Gurten und die Alpen. Ein Test bei vier Kastanien zeigt, dass sich die Bäume bei fachgerechter Behandlung ein ganzes Stück kürzerstutzen lassen, ohne dass sie Schaden nehmen.

Spektakulär wird der Rundgang im Dachstock wieder, der, ebenfalls befreit von Klimatechnik, schlicht riesig wirkt und das Ausmass des Gebäudes erst zeigt. Hier wird die Technik künftig weniger Raum einnehmen, es entstehen Büroräume für die Verwaltung und neue Proberäume für das Orchester. Auf einer weiteren Terrasse, die für das Publikum nicht zugänglich ist, will Adam in Zukunft Kräuter anpflanzen, die im Restaurant und in der Bar verwendet werden. Der Blick über die Dächer von Bern ist hier oben atemberaubend.

Bereits im September 2019 sollen wieder Konzerte gespielt und Essen serviert werden. Das ist kaum vorstellbar, wenn man im Staub der radikalen Sanierung steht. Doch es ist realistisch, denn grosse Überraschungen sind bis heute ausgeblieben. Ivo Adam wird übrigens im neuen Kultur-Casino nicht in der Küche stehen. «Am Anfang werde ich sicher die kulinarische Richtung vorgeben», sagt er, danach sieht er sich mehr als Förderer talentierter Köche. Als Geschäftsführer hat er dann auch sonst alle Hände voll zu tun: Einer muss schliesslich dafür besorgt sein, dass die Kasse stimmt. Aber auch die Emotion.

Der Spitzenkoch Ivo Adam über die Casino-Küche. Video: Claudia Salzmann (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.10.2017, 16:16 Uhr

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