In der Aare riechts manchmal übel

Bern

Es riecht manchmal etwas streng beim Schwimmen in der Aare rund um Bern. Der Grund liegt in Kanälen und Rohren – auch wenn darin gar kein Wasser fliesst.

hero image

(Bild: Karikatur: Max Spring)

Wolf Röcken

Er hatte Verspätung, doch jetzt ist der Sommer in voller Pracht da. Vier, fünf sonnige Tage am Stück reichten, und die Aare hat den Temperaturrekord für dieses Jahr geknackt: 21,8 Grad waren es gestern am frühen Abend. Sommer, Sonne, angenehmes Aarewasser: alles bereit für das «transzendentale Ereignis» also, wie die «Süddeutsche Zeitung» das Schwimmen in der Aare kürzlich bezeichnete.

Alles wie in jedem Jahr also? Alles wie in jedem Jahr. Das gilt auch für eines jener Themen, die in diesen Tagen wieder beim Aareschwumm in Bern diskutiert werden: «Was stinkt hier so?»

Ja, was stinkt hier eigentlich so? Vielen Schwimmerinnen und Schwimmern sticht es in die Nase: Es riecht manchmal streng beim Schwumm. Etwa auf der Höhe des Sportplatzes Schönau, bei der Dampfzentrale, unter der Eisenbahnbrücke oder nach dem Lorrainebad. Es riecht kurz, dafür heftig. Nach Abwasser, Verwestem, nach Kanalisation.

Geruch weht auf Aare hinaus

Die Kanalisation ist tatsächlich eine Ursache für die unangenehmen Gerüche, wenn auch indirekt, wie Beat Staub vom Stadtlabor erklärt. Das Berner Kanalisationsnetz ist auf eine bestimmte Abwassermenge ausgelegt. Bei starken Niederschlägen kommen erst sogenannte Rückhaltebecken zum Einsatz. Sind auch diese voll, fliesst das Regenwasser über sogenannte Entlastungen ab: Rohre und Leitungen, durch die das Wasser direkt in die Aare gelangt.

«Man kann bei Entlastungen nie ganz ausschliessen, dass auch etwas Abwasser in die Aare fliesst», sagt Beat Staub. Allerdings würden die Entlastungen nicht sehr oft und nur bei schlechtem Wetter überhaupt gebraucht. In Situationen also, in denen die Aare sowieso nicht zum Baden einlädt.

«Abwasser fliesst nie direkt in die Aare», sagt Ueli Ochsenbein, Leiter des kantonalen Gewässer- und Bodenschutzlabors. Wie Beat Staub ortet auch er den Grund für den Geruch in den wenig benutzten Entlastungskanälen. Denn durch diese ist die Aare ständig mit der Kanalisation verbunden. Fliesst kein Wasser durch die Rohre, zirkuliert Luft, und es entstehen Kanalwinde: Der Kanalisationsgeruch weht auf die Aare hinaus. «Direkt vor den Kanälen ist ja oft ein kühles Lüftchen zu spüren», so Ochsenbein.

Ochsenbein macht noch einen zweiten möglichen Grund für die Gerüche aus: «Bei hohen Temperaturen verwesen Algen am Aareufer sehr schnell. Auch das riecht modrig.» Dazu komme es bei der aktuellen Hitze im Wasser vermehrt zu Abbauprodukten, die ebenfalls Gerüche freisetzen würden.

Lästig, aber ungefährlich

Gesundheitsgefährdend ist die geruchsbelastete Luft in dieser Verdünnung übrigens nicht, «allenfalls lästig», wie Beat Staub sagt. Im 19.Jahrhundert waren die Menschen anderer Meinung und glaubten an die Miasmen-Theorie: «Miasma» ist griechisch und bedeutet «übler Dunst, Verunreinigung». Vorherrschende Meinung war damals, dass sich Seuchen und Krankheiten über Gerüche verbreiten. Die Infektologie verdrängte diese Theorie.

Auch wenns manchmal stinkt: Beim Schwimmen in der Aare gefährdet also niemand seine Gesundheit. Das Wasser ist seit längerem sauber: Seit 2007/2008 lägen die Werte der Aare rund um Bern bei allen Parametern im besten oder zweitbesten Bereich, so Ochsenbein.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...