In Ostermundigen fuhr die allererste Zahnradlokomotive

Ostermundigen

Die Bergbahnen jubilieren: Die Jungfraubahn feiert ihren 100.Geburtstag, 2011 wurde die Rigi-Bahn 140 Jahre alt. Aber eigentlich sollte das grosse Fest in Ostermundigen steigen: Hier startete die erste Zahnradbahn Europas.

Die «Elfe» beim Zollgasskreisel in Ostermundigen. Bahnhistoriker Werner Neuhaus kennt Details: Baujahr 1876, 2 Antriebsachsen, 185 PS.

Die «Elfe» beim Zollgasskreisel in Ostermundigen. Bahnhistoriker Werner Neuhaus kennt Details: Baujahr 1876, 2 Antriebsachsen, 185 PS.

(Bild: Susanne Keller)

Peter Steiger

Fünf Bundesräte reisten am 6.Oktober 1871 nach Ostermundigen, um die 1,5 Kilometer lange Steinbruchbahn zu eröffnen. Die Schweiz zu regieren, war damals noch kein Vollzeitjob. Möglicherweise kamen die Herren auch so zahlreich, weil sie das schlechte Gewissen plagte. Sie beteiligten sich an einer Geschichtsfälschung, einer kleinen Sünde, aber immerhin: Sie feierten einen Start, der keiner mehr war. Die Zahnradbahn verband bereits seit Anfang Jahr die Linie Bern–Thun mit dem Werkplatz am Ostermundigenberg.

Die Steinbruchbesitzer hatten das Fest verschoben, um der Vitznau-Rigi-Bahn den Ruhm zu überlassen. Dort hatte am 21.Mai 1871 die internationale Haute Volée mit der vermeintlich ersten Zahnradbahn Europas ein ungleich wichtigeres Ereignis bejubelt. Mit der mühelosen Fahrt auf den Aussichtsberg begann für die Schweiz eine neue touristische Ära. Hätte man das technische Wunderwerk bereits früher anderswo gefeiert, wäre in Vitznau der Glanz matt geworden.

Tests für die neue Technik

In Ostermundigen war neben den fünf Bundesräten und einem gut assortierten Offizierskorps auch Niklaus Riggenbach anwesend, der Erfinder der Technik und Erbauer der Rigi-Bahn. Der Bahnhistoriker Werner Neuhaus beschrieb 2011 in der jährlich erscheinenden Zeitschrift «Heimat heute» die Geschichte der Werkbahn: Erst wollten die Ingenieure die Steigung mit einer Schleife und einer Spitzkehre bewältigen. Riggenbach schlug sein Zahnradsystem vor, an dem er pröbelte. Die Steinbruchbesitzer wagten den Versuch und ermöglichten Riggenbach damit, seine Erfindung zu testen und für die Rigi-Bahn zu verbessern.

Seit 110 Jahren stillgelegt

Zwei Dampflokomotiven zogen und schoben die Wagen mit den Steinquadern. Die 1870 gebaute «Gnom» hatte 125 PS, die 6 Jahre später entstandene «Elfe» war bereits um ein Drittel stärker.

Das Steinbruchbähnli hatte ein kurzes Leben. Im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts bauten Architekten immer mehr mit Beton und Backsteinen statt mit Steinquadern. In Ostermundigen brach der Umsatz ein. 1902 fuhren die Lokomotiven zum letzten Mal.

Die Jungfraubahn feiert dieses Jahr ihren 100.Geburtstag. Die Rigi-Bahn hat 2011 ihr 140-Jahr-Jubiläum begangen. Die Steinbruchbahn steht im Schatten dieser Ereignisse. Immerhin sorgen die zwei erhalten gebliebenen Lokomotiven dafür, dass diese Pioniertat nicht ganz vergessen wird. Die restaurierte «Gnom» glänzt im Verkehrshaus Luzern. Die «Elfe» steht samt Güterwagen bei der Bushaltestelle Zollgasse in Ostermundigen. Das technische Denkmal gehört der Gemeinde. Die Eisenbahnfreunde Ostermundigen besorgen den Unterhalt.

Berner Zeitung

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