Kehrsatz

Der Koloss von Kehrsatz

KehrsatzArchäologen entdeckten einen tonnenschweren Stein in Kehrsatz. Womöglich handelt es sich um einen einst aufrecht stehenden Hinkelstein, der für Kulte benutzt wurde.

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Zuerst zu Asterix und Obelix: Die Comicfiguren hätten viel für die Bekanntheit von Hinkelsteinen getan, sagt Yann Mamin vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern. «Aber mit unserem Fund haben die beiden überhaupt nichts zu tun.» In diesem Frühling entdeckte ein Team um Mamin in Kehrsatz einen mutmasslichen Hinkelstein. Eine zeitliche Verbindung zu den Geschichten der zwei Freunde aus dem Gallierdorf gebe es nicht, sagt der Ausgrabungsleiter. Schon gar nicht habe es den Beruf von Obelix je gegeben: Der Hüne stellt die Steine seriell her.

Deshalb zu den Fakten: Der Stein von Kehrsatz ist oval, 2 ­Meter lang und 1,3 Meter breit, wiegt zwei bis drei Tonnen und besteht aus Quarzsandstein. Er stammt aus einem Ausläufer einer Gletschermoräne. Die Berner Archäologen fanden ihn bei den Grabungen zu einer bronzezeitlichen Siedlung im Gebiet Breitenacker, die vor rund 3500 Jahren existiert hatte. In diesem Gebiet in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Kehrsatz-Nord entsteht eine Wohn- und Geschäftsüberbauung.

Seltene Menhire

Für Mamin ist es ein ganz besonderer Fund, und der Kanton Bern berichtete am Montag von einer «kleinen Sensation» – wenn sich denn bewahrheitet, was die Archäologen vermuten: Dass es sich tatsächlich um einen Hinkelstein handelt, also einen Menhir. Dieses Wort kommt aus dem Keltischen und umschreibt einen länglichen Stein aus vorgeschichtlicher Zeit, der von Menschen für kultische Zwecke aufgestellt wurde. «Wir haben Hinweise darauf, dass es so war», sagt Mamin. Doch es seien weitere Untersuchungen nötig.

Menhire markierten einen Kult- oder Versammlungsort. Einzeln stehende Steine dieser Art gibt es schweizweit nur rund fünfzehn. Sie sind 1 bis 4 Meter hoch, der bekannteste Fund im Kanton Bern stammt aus Sutz-Lattrigen am Bielersee. Häufiger sind hingegen Monumente aus mehreren grossen Steinen, beispielsweise Hünengräber oder Steinreihen. In der Schweiz gibt es rund hundert solcher Monumente, die meisten am Genfersee, am Jurasüdfuss oder im Wallis.

Stein muss geschützt werden

In Kehrsatz stiess der Archäologische Dienst schon 2011 bei Testgrabungen ein erstes Mal auf den Stein. «Damals fehlte uns die Zeit für nähere Untersuchungen», so Mamin. Der Fund wurde wieder zugedeckt. In diesem April dann wollten es die Forscher genau wissen. Sie erstellten ein Profil und legten die Verbindung zwischen den Erdschichten und dem Stein frei. Dann wurde der Koloss innert zweier Wochen ganz ausgegraben. «Durch die Feinausgrabung konnten wir bestätigen, dass der Stein aus prähistorischer Zeit stammt», sagt Mamin.

Die Spuren im Boden deuteten darauf hin, dass er einst aufrecht aufgestellt wurde. Wofür? «Wir vermuten, dass er für einen Kult benutzt wurde, beispielsweise um Gottheiten, ältere Leute oder Helden zu ehren.» Zu Beginn oder während der bronzezeitlichen Besiedlung wurde der Stein dann in eine Grube gelegt. Mamin vermutet, dass der Menhir für die Ansiedlung eine Rolle gespielt haben könnte.

Die Ausgrabungen im Kehrsatzer Breitenacker werden noch rund ein Jahr dauern. Parallel dazu werden die Archäologen auch den möglichen Hinkelstein noch genauer untersuchen. Dafür haben sie ihn umplatziert und schützen ihn mit Fliess und Plastik vor der Witterung. «Schnee und Regen könnten den Sandstein beschädigen», sagt Yann Mamin. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.10.2017, 12:06 Uhr

Ausstellung

Nicht nur die Archäologen, auch Gemeindepräsidentin Katharina Annen freut sich über die Ent­deckung des mutmasslichen Hinkelsteins. «Damit haben wir nicht gerechnet.» Zusammen mit dem Archäologischen Dienst möchte die Gemeinde den Stein der Öffentlichkeit zugänglich machen. Nahe des Fundorts, in einem Gebiet zwischen dem Bahnhof Kehrsatz-Nord und dem Lidl, übernimmt die Gemeinde ein Stück Land. «Wir hoffen, dass wir hier einen Platz für den Stein finden.»

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