In Bolligen wohnt das fleissigste Stimmvolk

Wer wetten möchte, wo die Stimmbeteiligung am Abstimmungssonntag am höchsten sein wird, sollte auf Bolligen setzen. In keiner anderen Berner Gemeinde dieser Grösse gehen prozentual mehr Leute an die Urne.

Gemeindepräsident Rudolf Burger ist stolz: Die Bolligerinnen und Bolliger nehmen sich die Aufforderung auf der Tafel mehr zu Herzen als alle anderen.<p class='credit'>(Bild: Stefan Anderegg)</p>

Gemeindepräsident Rudolf Burger ist stolz: Die Bolligerinnen und Bolliger nehmen sich die Aufforderung auf der Tafel mehr zu Herzen als alle anderen.

(Bild: Stefan Anderegg)

Vor dem Reberhaus, dem Bolliger Kulturzentrum, plätschert friedlich der Brunnen. Am Kirchturm vis-à-vis glänzt das Zifferblatt in der Abendsonne. Vorne, an der Sternenkreuzung, staut sich wie immer der Feierabendverkehr. Und mitten in der Szenerie mahnt die orangefarbene Tafel mit dem emporgestreckten Zeigefinger: «Dieses Wochenende Abstimmung».

Diesen Aufruf nehmen sich die gut 6000 Bolligerinnen und Bolliger zu Herzen: Bei eidgenössischen Abstimmungen ist die Agglogemeinde punkto Stimmbeteiligung stets unter den Top 10 im Kanton Bern. Überflügelt wird sie höchstens von Kleinstgemeinden wie Rebévelier oder Monible mit weniger als 50 Einwohnern.

Von den Gemeinden ab einigen Hundert Einwohnern ist Bolligen in der Regel Spitzenreiterin. Im Mehrjahresvergleich ist die Stimmbeteiligung 10 Prozentpunkte höher als im landesweiten Durchschnitt. Dieser lag letztes Jahr bei 53 Prozent, während die Bolliger Beteiligung 64 Prozent betrug (siehe Infobox).

Ältere Leute

Neben der orangefarbenen Tafel beim Reberhaus steht Rudolf Burger, Gemeindepräsident und promovierter Politologe. «Nein, wir unternehmen nichts Besonderes, um die Stimmbeteiligung zu erhöhen», sagt er. Nur einen kleinen Luxus gönne man sich: Nebst jenem in Bolligen unterhält die Gemeinde auch je ein Abstimmungslokal in Geristein und Ferenberg, um den Weg von den Aussenbezirken zur Urne etwas zu verkürzen. «Aber allein daran liegt es sicher nicht.»

Bei der Ursachenforschung kommt Rudolf Burger rasch auf die Altersstruktur zu sprechen. In Bolligen leben deutlich mehr 60- bis 70-Jährige als anderswo – «Leute dieser Altersgruppe sind fleissige Stimmbürgerinnen und Stimmbürger», sagt Burger. Zudem haben viele Leute aus dem oberen Mittelstand ein Haus gekauft, Kantons- und Bundesbeamte, die sich erfahrungsgemäss stark für politische Themen interessieren. Ähnlich viele gut verdienende und gut ausgebildete Leute leben in den Gemeinden Bremgarten, Muri und Kirchlindach, die bei der Stimmbeteiligung ebenfalls auffallend oft Spitzenplätze belegen.

Viele Parteien

Alter und Bildung seien Merkmale einer hohen Stimmbeteiligung. Diese hänge aber auch stark vom Vereinsleben und von den politischen Parteien ab, erklärt Politikwissenschaftler Claude Longchamp, der das Forschungsinstitut GFS Bern leitet. «In Bolligen sind die wichtigsten Parteien der Agglomeration vertreten, hinzu kommt die Bürgerbewegung, die den Gemeindepräsidenten stellt», so Longchamp. «Das sind eher unübliche Verhältnisse, die sich förderlich auswirken können.» Dem pflichtet auch Gemeindepräsident Burger bei: Dank der vielfältigen Parteienlandschaft gebe es viele politische Versammlungen, bei den Gemeindewahlen mehr Wettbewerb und mehr politische Beiträge im Lokalblatt.

Unweit vom Reberhaus und von der orangefarbenen Abstimmungstafel liegt der Dorfmärit. Vor der Post leert eine 63-jährige Bolligerin ihr Postfach. Vielleicht, sagt sie, habe die hohe Stimmbeteiligung auch mit Weitblick und Familiensinn zu tun. «Junge Familienleute denken an ihre Kinder, ältere an ihre Grosskinder.» Wer so denke, könne gar nicht anders, als abstimmen zu gehen.

Berner Zeitung

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